Wie die Konformität den Neo-Kollektivismus vorbereitet und dieser das Grundgesetz überschattet ...
Wie Konformität den Neo-Kollektivismus vorbereitet
Es gibt Begriffe, die zunächst sperrig wirken und dann plötzlich erklären, was man/frau lange beobachtet, aber nicht benennen konnte. Einer dieser Begriffe ist der Neo-Kollektivismus.
Gemeint ist damit nicht die Rückkehr zu Stammesgesellschaften oder die Wiedergeburt alter Ideologien in ihrer ursprünglichen Form. Gemeint ist vielmehr eine moderne Erscheinung: die zunehmende Unterordnung des Individuums unter die Erwartungen eines Kollektivs, das Zugehörigkeit spendet, Sicherheit vermittelt und Anerkennung verteilt, dafür aber Loyalität erwartet.
Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Konformität.
Nicht das eigenständige Denken des Individuums zählt.
Nicht persönliche Überzeugung des/der Einzelnen zählt .
Sondern die Anpassung an die Masse, an das Kollektiv wird gefordert.
Wer diese Mechanismen verstehen will, muss weit zurückblicken.
Über Jahrtausende lebten Menschen in kleinen Gemeinschaften. Das Kollektiv war nicht bloß eine soziale Struktur. Es war die Voraussetzung des Überlebens.
Der Einzelne konnte nicht allein jagen, sich nicht allein verteidigen und nur selten allein überleben. Die Zugehörigkeit zur Gruppe entschied über Nahrung, Schutz und Fortbestand.
Daher entwickelte sich eine tiefe psychologische Bindung an das Kollektiv.
Wer gegen die Regeln des Kollektivs verstieß, musste sich verantworten.
Wer Schuld auf sich lud, musste Versöhnung mit dem Kollektiv suchen.
Wer dauerhaft aus dem Kollektiv ausschied, verlor oft mehr als seinen sozialen Status. Er verlor seine Lebensgrundlage.
Die Angst vor dem Ausschluss wurde damit zu einem festen Bestandteil menschlicher Existenz.
Bis heute hat sich daran erstaunlich wenig geändert.
Zwar droht dem modernen Bürger in der Regel kein Tod durch Verbannung. Doch sozialer Ausschluss wirkt weiterhin existenziell. Wer ignoriert, ausgegrenzt oder öffentlich abgewertet wird, erlebt häufig dieselben Grundängste, die bereits unsere Vorfahren kannten.
Der Mensch des 21. Jahrhunderts trägt noch immer den Steinzeitmenschen in sich.
Die große Revolution der Moderne
Die demokratischen Verfassungsstaaten Europas brachten eine historische Neuerung hervor.
Erstmals wurde das Individuum über das Kollektiv gestellt.
Das Grundgesetz beginnt nicht mit dem Staat.
Es beginnt nicht mit der Mehrheit.
Es beginnt nicht mit Traditionen.
Es beginnt mit der Würde des einzelnen Menschen.
Das ist eine ungeheure kulturelle Leistung.
Denn damit wurde anerkannt, dass der Einzelne Rechte besitzt, die ihm weder von einer Mehrheit verliehen noch von ihr entzogen werden dürfen.
Meinungsfreiheit bedeutet deshalb nicht, die richtige Meinung zu haben.
Sie bedeutet, auch die unerwünschte Meinung äußern zu dürfen.
Demokratie bedeutet nicht, dass die Mehrheit immer recht hat.
Sie bedeutet lediglich, dass Mehrheiten regieren dürfen, während Minderheiten geschützt bleiben.
Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen Rechtsstaat und Kollektiv.
Doch gerade in modernen Gesellschaften lässt sich eine bemerkenswerte Gegenbewegung beobachten.
Viele Menschen definieren sich heute wieder zunehmend über Zugehörigkeiten.
Über politische Lager.
Über Milieus.
Über Vereine.
Ideologien.
Über Netzwerke.
Über soziale Gruppen.
Über digitale Gemeinschaften.
Über lokale Machtstrukturen.
Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch verwerflich. Der Mensch bleibt ein soziales Wesen.
Problematisch wird es jedoch dort, wo die Gemeinschaft allmählich wichtiger wird als das unabhängige Urteil.
Dann verschieben sich die entscheidenden Fragen
Nicht mehr:
"Ist die Kritik berechtigt?"
sondern:
"Wer äußert diese Kritik?"
Nicht mehr:
"Haben er/sie recht?"
sondern:
"Gehören sie noch zu uns?"
An diesem Punkt entsteht das, was man/frau als neo-kollektivistische Dynamik bezeichnen kann.
Jedes Kollektiv braucht einen gewissen Zusammenhalt.
Niemand würde einer Feuerwehr vertrauen, in der jeder macht, was er will. Kein Verein könnte existieren, wenn sämtliche Mitglieder dauerhaft gegeneinander arbeiten.
Doch zwischen notwendiger Zusammenarbeit und Konformitätszwang besteht ein fundamentaler Unterschied.
Konformität beginnt dort, wo Zustimmung zur Bedingung von Zugehörigkeit wird.
Dann genügt es nicht mehr, Regeln einzuhalten.
Dann muss man Haltung zeigen.
Die richtige Haltung.
Die anerkannte Haltung.
Die erwünschte Haltung.
Die kollektiv akzeptierte Haltung.
Wer zustimmt, erhält Resonanz.
Wer schweigt, wird toleriert.
Wer widerspricht, wird beobachtet.
Wer dauerhaft widerspricht, wird problematisch.
In einer Demokratie erfolgt Ausschluss selten offen.
Niemand hängt ein Schild an die Tür:
"Für Kritiker kein Zutritt."
Die Mechanismen sind subtiler.
Einladungen erfolgen nicht mehr.
Gespräche verstummen.
Informationen fließen plötzlich an anderen Stellen.
Argumente werden überhört.
Personen statt Positionen werden diskutiert.
Aus dem Kritiker wird der Sonderling.
Aus dem Mahner wird der Störenfried.
Aus dem unbequemen Bürger wird der Querulant.
Je nach politischem Umfeld erhält er unterschiedliche Etiketten.
Zu links.
Zu rechts.
Zu konservativ.
Zu progressiv.
Zu unbequem.
Zu anstrengend.
Die genaue Bezeichnung ist dabei nebensächlich.
Entscheidend ist die Funktion.
Das Etikett soll die Auseinandersetzung ersetzen.
Wer etikettiert wird, muss nicht mehr ernst genommen werden.
Dabei verdankt jede freiheitliche Gesellschaft ihren Fortschritt Menschen, die zunächst als Störenfriede galten.
Nahezu jede große demokratische Errungenschaft begann mit einem Widerspruch.
Jemand stellte Fragen.
Jemand störte die Harmonie.
Jemand bestand darauf, dass die Mehrheit irren könnte.
Der Nonkonformist ist deshalb nicht das Gegenteil der Demokratie.
Er ist eine ihrer Voraussetzungen.
Der Rechtsstaat lebt gerade davon, dass Bürger Entscheidungen kritisieren dürfen.
Er lebt davon, dass Journalisten und Blogger unbequem sind. Aber wo sind die unbequemen Journalisten geblieben?
Er lebt davon, dass Minderheiten widersprechen.
Er lebt davon, dass Bürgeranträge gestellt, Gerichte angerufen und Ratsbeschlüsse hinterfragt werden.
Wo dies nicht mehr geschieht, entsteht zwar Ruhe.
Aber keine Freiheit.
Auch in Ravensburg wäre es Unsinn, von einem allmächtigen oder gar undemokratischen Kollektiv zu sprechen. Die Stadt verfügt über demokratisch legitimierte Gremien, rechtsstaatliche Verfahren und vielfältige Beteiligungsmöglichkeiten.
Dennoch kennt wohl jeder, der sich über Jahre kommunalpolitisch engagiert hat, ein anderes Phänomen.
Man/frau kennt sich.
Man* begegnet sich.
Man* ist gemeinsam im Verein.
... im Verband.
... im Ehrenamt.
... im gesellschaftlichen Leben.
... in der Kommission
Solche Netzwerke sind wertvoll. Sie schaffen Vertrauen und Zusammenhalt.
Doch dieselben Strukturen können auch einen subtilen Anpassungsdruck erzeugen.
Wer dazugehören möchte, übe sich bitte in Zurückhaltung.
Wer öffentliche Kritik äußert, riskiert Irritationen.
Wer wiederholt auf Problemen beharrt, gilt schnell als schwierig.
Nicht weil seine Argumente falsch wären.
Sondern weil sie bestehende Harmonie stören.
Gerade in überschaubaren Städten entfaltet dieser Mechanismus häufig eine besondere Kraft.
Der Preis der Zugehörigkeit kann dort gelegentlich höher erscheinen als der Nutzen des Widerspruchs.
Die Angst hinter der Konformität
Der eigentliche Motor des Neo-Kollektivismus ist nicht Bosheit.
Auch nicht Machtgier.
Und meist nicht einmal Ideologie.
Sein eigentlicher Motor ist Angst.
Die Angst, allein zu stehen.
Die Angst, die Anerkennung anderer zu verlieren.
Die Angst, den eigenen Platz in der Gemeinschaft einzubüßen.
Deshalb ist der Mut zum eigenständigen Denken keine intellektuelle Leistung allein.
Er ist eine existenzielle Leistung.
Er verlangt die Bereitschaft, vorübergehend oder "auf ewig" auf Zustimmung zu verzichten.
Er verlangt die Fähigkeit, mit Ablehnung zu leben.
Er verlangt die Einsicht, dass Wahrheit und Zugehörigkeit nicht immer auf derselben Seite stehen.
Eine freie Gesellschaft erkennt man/frau nicht daran, wie sie ihre Angepassten behandelt.
Man erkennt sie daran, wie sie ihre Nonkonformisten behandelt.
Eine starke Demokratie muss Kritik aushalten.
Ein starker Gemeinderat muss Widerspruch aushalten.
Ein starker Verein muss Andersdenkende aushalten.
Eine starke Stadtgesellschaft muss Menschen aushalten, die auf Missstände hinweisen, auch wenn sie damit lästig werden.
Denn das Grundgesetz schützt nicht die Konformität.
Es schützt die Freiheit.
Und Freiheit beginnt immer dort, wo ein Mensch den Mut findet, gegen den Strom zu stehen. Schon in einem Kinderlied heißt es "Sei ein lebendiger Fisch, schwimm doch gegen den Strom!"
Nicht, weil er Recht haben will.
Sondern weil er seinem Gewissen verpflichtet bleibt.
Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage unserer Zeit:
Wollen wir Bürger, die durch ihr beständiges "Ja", Stimmenthaltung und Kopfnicken dazugehören?
Oder wollen wir Bürger, die eigenständig denken?
Eine lebendige Demokratie braucht beides.
Doch wenn Zugehörigkeit wichtiger wird als Wahrheit, wenn Harmonie wichtiger wird als Kritik und wenn Konformität höher bewertet wird als Gewissen, dann entsteht unmerklich etwas Neues und zugleich etwas Uraltes:
Der Stamm kehrt zurück.
Nur dass er heute nicht mehr am Lagerfeuer sitzt.
Er tagt im Sitzungssaal, diskutiert in sozialen Netzwerken, organisiert sich in Milieus und entscheidet oft unsichtbar darüber, wer dazugehört und wer lieber schweigen sollte.
Die Zukunft der Freiheit wird deshalb nicht allein in Parlamenten entschieden.
Sie entscheidet sich jeden Tag neu dort, wo Menschen den Mut finden, aufrecht zu bleiben, obwohl das Kollektiv etwas anderes erwartet und sogar fordert.
