Er fehlt: "Tag der Töchter und Söhne" - am letzten Sonntag im September?
Wir feiern unsere Mütter. Heute, am 10. Mai 2026. Wir feiern unsere Väter oder besser gesagt, die Väter feiern sich am liebsten selbst - am Donnerstag kommender Woche ("Himmelfahrt"). Wir feiern die Frauen, wir feiern die Kinder, wir "feiern" die Arbeit, wir feiern die Demokratie - sogar einen "Tag des Baumes" gibt es.
Aber wir feiern nicht jene bzw. lassen wir nicht jene feiern, die all das tragen: die Töchter und Söhne der Gesellschaft, unsere Töchter und Söhne. Zeit für einen neuen Feiertag – neun Monate nach Jahresbeginn.
Deutschland liebt seine Gedenk‑ und Aktionstage, wie sie oben von mir aufgeführt wurden, wobei noch viele fehlen: Tag der Pressefreiheit, Tag für die Umwelt, Tag für die Gesundheit, Tag für die Menschenrechte usw.
Doch ausgerechnet jene, die all diese Tage für die Zukunft erst möglich machen – die Geborenen, die Gewordenen, die Geprägten – haben keinen eigenen Tag. Und der wäre aus den verschiedensten Gründen notwendig. Es sind die Töchter und Söhne. Die Kinder unserer Gesellschaft, die - auch für den Fall, dass sie längst erwachsen geworden sind - die Spuren ihrer Herkunft tragen. Natürlich gibt es jedes Jahr den "Geburtstag" für jeden Menschen. Doch der spiegelt nicht das wider, was ich meine.
Es ist eine stille Absurdität: Wir feiern unsere gesellschaftlichen und aus die aus alltäglichen Konventionen gewachsene Rollen, aber nicht die Menschen, die aus ihnen hervorgehen. Jedenfalls nicht gebührend.
Die Ambivalenz des GeborenseinsGeboren zu werden ist ein Geschenk – und eine Zumutung. Ein Wunder – und ein Auftrag. Ein Anfang – und eine Hypothek.
Wir tragen das genetische Erbe unserer Eltern und ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Krankheiten und ihre Talente. Wir tragen die ersten Jahre der Erziehung in uns wie ein Grundrauschen, das nie ganz verstummt. Wir tragen Erwartungen, Enttäuschungen, Prägungen, Traumata, Hoffnungen.
Manche sind dankbar. Manche sind verletzt. Manche schwanken zwischen Tochter und Sohn, zwischen Identitäten und zwischen gesellschaftlichen Schubladen. Manche kämpfen sich frei. Manche bleiben gebunden.
Doch eines gilt für alle: Wir gehören niemandem.
Nicht der Familie. Nicht der Tradition. Nicht dem Staat.
Reinhard Mey hat es vor Jahrzehnten sinngemäß so gesungen, dass der Staat nicht über seine Söhne verfügen darf. Diese Aussage ist heute aktueller denn je – in Zeiten, in denen wieder über Wehrpflicht, Pflichtdienste, staatliche Verfügbarkeit von Körpern und Lebenszeit diskutiert wird.
Aber – und das unterstelle ich positiv auch Reinhard Mey – unsere Kinder gehören auch nicht den Eltern. Das "unser" ist kein Besitzanspruch und kein Brennsiegel wie bei Schafen und Rindern!
Warum ein Tag der Töchter und Söhne notwendig ist1. Weil Herkunft prägt – und Anerkennung heilt
Ein solcher Tag wäre kein Kitsch‑Tag, kein Blumen‑Tag, kein „Danke Mama“-Tag. Er wäre ein Tag der Selbstreflexion:
Woher komme ich?
Was trage ich weiter?
Was lasse ich hinter mir?
Was gehört zu mir – und was gehört nicht mehr zu mir?
Ein Tag der Töchter und Söhne wäre ein Tag der Freiheit. Ein Tag, der sagt: Mit 18 beginnt das eigene Leben – und niemand hat ein Recht, darüber zu verfügen.
3. Weil die Gesellschaft die Perspektive der Kinder selten hörtWir reden über Elternrechte, über Familienpolitik, über Betreuung, über Vereinbarkeit. Aber wir reden kaum über die Perspektive derer, die aus diesen Systemen hervorgehen. Über die psychischen Folgen. Über die sozialen Lasten. Über die Chancenungleichheit. Über die Identitätskrisen und -Fragen.
4. Weil es ein politisches Signal wäreEin solcher Tag würde die Debatte öffnen über:
Kinderrechte
psychische Gesundheit
Gewalt in Familien
staatliche Eingriffe in die Lebensführung
Generationengerechtigkeit
Diversität und Identität
die Freiheit, den eigenen Weg zu gehen
Weil er symbolisch perfekt wäre. Vom 1. Januar aus gerechnet sind es neun Monate – die Dauer einer Schwangerschaft. Ein Kreis schließt sich. Ein Jahr trägt seine Früchte. Ein Mensch erinnert sich an seinen Anfang – und an seinen eigenen Weg.
Er liegt zwischen Sommer und Herbst, zwischen Wärme und Kühle, zwischen Werden und Vergehen. Ein Tag des Übergangs. Ein Tag des Erwachsenseins.
Er kollidiert mit keinem großen Feiertag. Er steht nah am Weltkindertag – aber bewusst daneben:
Weltkindertag: Schutz der Minderjährigen
Tag der Töchter und Söhne: Selbstbestimmung der Erwachsenen
Ein Tag der Töchter und Söhne wäre kein Familienfest – sondern ein Gesellschaftstag.
Mögliche Elemente:
Öffentliche Gespräche über Herkunft, Identität, psychische Gesundheit
Lesungen, Diskussionen, Kunstaktionen
Politische Forderungen nach Stärkung der Selbstbestimmung
Anerkennung derer, die schwierige Herkunft überwunden haben
Raum für Trauer, Dankbarkeit, Humor, Ambivalenz
Ein Symbol: zwei Linien, die sich trennen – Herkunft und eigener Weg
Deutschland ist ein Land, das gern zurückschaut. Ein Land der Gedenktage, der Erinnerungskultur, der historischen Verantwortung. Das ist gut. Aber es ist nicht genug.
Wir brauchen einen Tag, der nach vorn schaut. Einen Tag, der die Menschen feiert, die dieses Land tragen – nicht als Eltern, nicht als Rollen, sondern als Individuen.
Der Tag der Töchter und Söhne wäre ein Tag der Freiheit. Ein Tag der Verantwortung. Ein Tag der Selbstbestimmung. Ein Tag der Zukunft. Ein Tag der Aufarbeitung. Ein Tag beginnender Heilung.
Schluss und AnfangVielleicht beginnt alles mit einem Gedanken. Vielleicht mit einer Kolumne. Vielleicht mit einer Petition. Vielleicht mit einem Gespräch am Küchentisch. Vielleicht mit einem Blogbeitrag, der die Runde macht.
Aber jeder neu geplante und ins Leben gerufene Feiertag beginnt mit einem Satz: Es fehlt(e) etwas.
Ein Tag für uns alle – für die, die geboren wurden, die geworden sind, die sich befreien, die sich finden, die sich neu erfinden.