💥 Aus aktuellem Anlass (1): Friedrich Merz hätte niemals Bundeskanzler werden dürfen ... Die Warnzeichen (Menetekel) waren eindeutig ...
Am 4. Februar 2025 veröffentlichte ich hier einen Artikel, der in mehreren Facebook‑Gruppen einen mittleren Shitstorm auslöste. Drei Monate später sollte Friedrich Merz Bundeskanzler werden – doch schon damals zeigte sich, wie oberflächlich viele die Debatte führten. Die meisten Kommentierenden hatten den Text entweder nur überflogen oder schlicht nicht verstanden. Und vor allem: Abseits der gebrochenen Versprechen >>> Friedrich Merz hätte in dieser AfD-geschwängerten politischen Atmosphäre niemals Bundeskanzler werden dürfen.
*) Um diesen Artikel geht es (unbedingt! lesen):
Die Posts auf Facebook - teilweise mit Daumen hoch - klangen wie folgt:





Immer wieder musste ich klarstellen: Es geht nicht um den Großvater selbst, sondern um die Verherrlichung eines SA‑Mannes durch seinen Enkel Friedrich Merz. Trotzdem reagierten viele reflexhaft, ohne den Kern zu erfassen – ein Muster, das in sozialen Netzwerken inzwischen fast erwartbar ist.
Am selben Tag erhielt ich aber auch zusätzlich eine E‑Mail, die mich besonders nachdenklich machte. Darin schrieb der Absender, leicht gekürzt:
"Wenn Sie sich wie auch ich fassungslos fragen, wieso Friedrich Merz den Rechtsextremen die Tür aufhält, dann ist diese Familienkontinuität (taz-Artikel) doch zumindest ein Erklärungsansatz. Er sieht schlicht nicht, was daran schlecht sein soll. - Und wieder muss ich an das sehr erhellende Buch von Harald Welzer denken "Opa war kein Nazi". In dieser Studie haben Welzer et al. untersucht, wie die Nazizeit in den Familien, am Küchentisch, weitergegeben wurde und weitergegeben wird. Sein Team kommt u.a. zu dem Schluss, dass man selbst immer das Opfer war. Sogar die Leute, die aktiv andere umgebracht haben. "Man konnte ja nicht anders ..." - Und genau dieses: "Die anderen sind schuld daran, dass ich mich schlecht verhalte" macht Merz jetzt auch. - Aber: Nein, Fritze, DU hast es verbockt. Allein. Ohne Not. Ohne Zwang und vor allem ohne Grund, denn die Fakten zur Migration sagen etwas anderes. Und sie ist nicht unser Hauptproblem ..."
Diese E‑Mail hat mich dazu bewogen, eine Rezension zu Welzers Buch auszugsweise zu veröffentlichen. Denn Welzer zeigt, wie Familien über die NS‑Zeit sprechen – oder eben nicht sprechen. Von Verantwortung ist selten die Rede, von Verharmlosung und angeblichem Nichtwissen dagegen sehr viel. Täter erscheinen als Opfer, Mitläufer als Helden. Die familiäre Erzählung schützt das eigene Selbstbild – und prägt Generationen.
Die zentrale Frage bleibt: Wie konnte ein Regime so populär sein – und warum bleibt die moralische Gleichgültigkeit gegenüber seinen Verbrechen bis heute in vielen Familienerzählungen bestehen?
Hier ein Auszug aus der Buchbesprechung (Teaser):
"In dem Band "Opa war kein Nazi" fragen Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuuggnall danach, "was 'ganz normale Deutsche' aus der NS-Vergangenheit erinnern, wie sie darüber sprechen und was davon auf dem Wege kommunikativer Tradierung an die Kinder und Enkelgenerationen weitergegeben wird" (S. 11). Sie bieten damit einen neuen Zugang zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland an, nämlich über die Analyse von Familiengesprächen und Familiengedächtnis. ...
Bereits in den letzten zehn Jahren hat sich die Holocaust-Forschung – angeregt von der Pionier-Studie Christopher R. Brownings und im Gefolge von Goldhagen-Kontroverse und Wehrmachtsausstellung – verstärkt dem Verhalten der "ganz normalen Deutschen" im Nationalsozialismus gewidmet. Doch die historische Analyse der Handlungsspielräume und Überzeugungen jener Millionen deutscher Arisierungsgewinnler, Denunzianten, Mitläufer, Sympathisanten und Wegseher, eben der "bystanders" (Raul Hilberg), erwies sich als methodisch ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Generalisierbare Aussagen scheinen nur für eng umgrenzte Fallbeispiele möglich 1. Von einer breitgefächerten Alltags- und Gesellschaftsgeschichte des NS sind wir noch immer weit entfernt 2. Die brennenden Fragen bleiben: Woher rührte die große Popularität des Regimes bis weit in die letzte Kriegsphase hinein? Was trieb das Gros der "einfachen Deutschen" an? Wie ist die eskalierende moralische Gleichgültigkeit der meisten Deutschen gegenüber der Entrechtung und Ermordung der Juden und der verbrecherischen NS-Besatzungspolitik adäquat zu erklären?"
Hier spannend und erhellend bei H / SOZ / KULT den gesamte und ausfĂĽhrliche Rezension lesen ...