Ravensburg: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute noch ein Feuerwerk zünden!"
Es ist und bleibt wie es ist: In Ravensburg wird die Realität von der Zeitung nicht berichtet, sondern kuratiert. Das hiesige Lokalblatt – eine SZ, die sich längst als publizistischer Arm der Stadtverwaltung und der Rutenfestkommission (RFK) versteht – feiert das diesjährige Rutenfest als „eines der besten und ruhigsten seit Jahren“ und beruft sich dabei ungefiltert auf ein Mitglied der RFK und auf einen Vertreter der Polizei. Ein Satz, der klingt wie aus dem PR-Büro des Rathauses und dem alkoholgeschwängerten Bierzelt auf dem Bechtergarten, nicht wie aus einer Redaktion, die den Auftrag hätte, die vierte Macht in der Stadt zu sein.
Denn die Wirklichkeit war und ist eine andere. Ich wohne nur 400 Meter Luftlinie vom Oberschwabenhallenplatz entfernt. Trotz geschlossener Fenster musste ich mir die "Kriegsspiele und das Klimavernichtungswerk" (man nennt es harmlos "Feuerwerk") von dort Dienstag nachts anhören.
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Während Europa brennt, während Südeuropa evakuiert, während der Bodensee und der Rhein sichtbar austrocknen, während Rettungskräfte in Ravensburg 22 Menschen in teilweise lebensbedrohlichem Zustand in die Klinik bringen mussten, während der Festzug für den Rettungsdienst kaum erreichbar war, während Kinder mit Insektenstichen und Erwachsene mit Kollaps-Symptomen in die DRK-Wachen strömten – während all dem also titelt frau hier: „best of" und "ruhig“. Der Titel des Artikels hätte heißen müssen:
"Lebensgefährliches Rutenfest - Brände in Südeuropa - und als Sahnehäubchen ein Feuerwerk."
Das wäre echter Journalismus gewesen.
Doch "ruhig" in Ravensburg ist offenbar alles, was nicht direkt in Flammen steht.
Die Ravensburger Stadtverwaltung versteht ganz offensichtlich ein Feuerwerk als Pflichtübung und das Klima als Nebensache.Die Stadt Ravensburg hat sich in diesem Jahr endgültig entschieden, auf welcher Seite sie steht: auf der Seite der Tradition, koste es, was es wolle – und zwar buchstäblich. Trotz Warnungen, trotz intensiver Bitten, trotz europaweiter Waldbrände, trotz der vierten Hitzewelle, trotz der eigenen Klimabeschlüsse, trotz der eigenen Schutzpflichten hat die Stadt das Feuerwerk abgebrannt. Ein Feuerwerk, das in diesen Zeiten nicht mehr Folklore ist, sondern ein politisches Statement:
„Unsere Tradition steht über eurer (angeblichen?) Klimanot.“
Man muss es so hart formulieren, weil es so hart ist.
Während Menschen in Spanien, Portugal und Italien ihre Häuser verlieren, während Feuerwehren in Südfrankreich gegen apokalyptische Flammen kämpfen, während die Klimakrise längst auch Oberschwaben erreicht hat, schießt die Stadt Ravensburg Raketen in den Himmel, damit auch der erkrankte 1. Vorsitzende der RFK sie aus seinem Krankenhauszimmer sehen und hören kann. "Gute Besserung" übrigens von dieser Stelle aus.
Die SZ: Euphorie als Ersatz für JournalismusDie Berichterstattung der Lokalzeitung liest sich wie ein Werbeflyer:
Schausteller „schwärmen“
Wirte „zufrieden“
Polizei „begeistert“
RFK „ein Super-Team“
Wetter „perfekt“
Stimmung „grandios“
Und die Schattenseiten? Die lebensbedrohlichen Zustände? Die Rettungswagen, die nicht durchkamen? Die 300 Dienste des DRK? Die 22 Kliniktransporte? Die moralische Frage, ob ein Feuerwerk in Zeiten globaler Hitze überhaupt vertretbar ist?
Sie werden erwähnt – aber so, wie man in einem "Waschzettel" die Fußnote über mögliche Nebenwirkungen des Medikaments platziert.
Die SZ setzt sogar noch einen sentimentalen Schlusspunkt (siehe auch oben): Der RFK-Vorsitzende, aus dem Krankenhaus, habe das Feuerwerk „bewundern“ können. Ein emotionales Bild, das die eigentliche Frage übertüncht und das Feuerwerk natürlich rechtfertigt.
Warum hat die Stadt Ravensburg ein Feuerwerk abgebrannt, das sie aus Klimagründen niemals hätte genehmigen dürfen?
Die Wahrheit: Es war das schlechteste und unruhigste Rutenfest seit 20 Jahren.Die Wahrheit ist nicht die Euphorie der SZ, sondern die nüchterne Bilanz der Rettungskräfte. Die Wahrheit ist die moralische Bankrotterklärung der Stadtverwaltung. Die Wahrheit ist die Entsolidarisierung mit Menschen, die unter der Klimakrise leiden – auch hier, nicht nur anderswo.
Die Wahrheit ist das, was ich bereits vor einigen Tagen auf diesem Blog schrieb: Dass dieses Feuerwerk ein Akt der Verantwortungslosigkeit war. Dass es ein Symbol der Gleichgültigkeit war. Dass es ein politisches Statement war – und zwar das falsche.
Ravensburg hat ein Problem – und es ist nicht das Wetter.Ravensburg hat ein strukturelles Problem: Es verwechselt Tradition mit Unantastbarkeit. Es verwechselt Heimat mit Gewohnheit. Es verwechselt Berichterstattung mit Bestätigung. Es verwechselt Ruhe mit Wegschauen.
Und so bleibt es, wie es ist: Ein Rutenfest, das sich selbst feiert. Eine Stadtverwaltung und eine RFK, die sich selbst bestätigen. Eine Lokalzeitung, die sich selbst genügt.
Doch die Klimakrise wird sich nicht von Tradition beeindrucken lassen. Sie wird nicht warten, bis der letzte Böller verschossen ist. Sie wird nicht schweigen, weil die SZ es tut.
Ravensburg hat ein Feuerwerk abgebrannt – und damit ein politisches Signal gesetzt. Ein falsches Signal. Ein gefährliches Signal. Ein beschämendes Signal.