Stadtverwaltung Ravensburg zeigt den Weg weg von der Demokratie
Eine Ravensburger Zeitung titelte jüngst: „Humpis‑Quartier zeigt Ravensburgs Weg zur Demokratie“. Ein Satz, der historisch stimmt – und zugleich in der Gegenwart schmerzt. Zu dem weiteren Inhalt des Zeitungsartikels schreibe ich nichts, denn es geht mir allein um seine Headline. Als ich die las, hatte ich sofort die Überschrift für meinen nächsten Blogartikel: "Stadtverwaltung Ravensburg zeigt den Weg weg von der Demokratie." Gemeint ist dabei die "Demokratie" der Gegenwart und nicht die, von "anno dunnemal". - Denn während das Humpis-Quartier vergangene Demokratie feiert, erleben die Bürgerinnen und Bürger heute eine Stadt Ravensburg, die sich in zentralen Fragen von demokratischer Kultur entfernt.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Das Museum zeigt den Weg hin zur Demokratie – die Stadt zeigt den Weg weg von ihr. So jedenfalls empfinden es der Schreiber dieser Zeilen und viele, die diese Zeilen lesen.
1. Die Causa OSH: Lehrstück einer kommunalen EntdemokratisierungDie geplante Umgestaltung der Oberschwabenhalle (sorry, aber die muss immer wieder aufgezeigt werden) ist längst mehr als ein Bauprojekt. Sie ist ein Symptom. Ein Brennglas. Ein Spiegel.
Die Stadtverwaltung entscheidet über die Köpfe der Bürger hinweg. Der Gemeinderat schweigt. Die lokale Presse berichtet – aber ohne die entscheidende Frage zu stellen: Warum wird die Bevölkerung nicht beteiligt? Eine Petition wird antidemokratisch und gegen das Presserecht ignoriert.
Die OSH‑Causa ist das Paradebeispiel dafür, wie demokratische Verfahren in Ravensburg unterlaufen werden:
keine transparente Kostenaufstellung
keine Bürgerbefragung
keine öffentliche Debatte über Alternativen
keine klare Begründung für die Priorisierung
keine Einordnung der Risiken
keine kritische Begleitung durch die Presse
Die Stadt handelt, als sei die Halle ein Privatprojekt. Der Gemeinderat nickt, als sei Schweigen eine Tugend. Die Zeitung schreibt, als sei Bürgerwille eine Fußnote.
2. Weitere Beispiele eines systemischen ProblemsFehlende Transparenz bei Bau- und Sanierungsprojekten
Ob Holzmarkt, Gespinstmarkt oder diverse Straßen: Die Kosten sind unklar, die Prioritäten fragwürdig, die Kommunikation minimal. Bürger erfahren Entscheidungen erst, wenn sie nicht mehr veränderbar sind.
Der Schussenpark – ein Projekt ohne NotwendigkeitSelbst aus der Belegschaft der Stadtverwaltung hört der Blogger dazu Unverständnis. Millionen für einen Park, der pädagogisch und sozial nicht trägt, während andere dringende Infrastrukturaufgaben liegen bleiben.
Kürzungen bei Hundebesitzern (Hundekotbeutel) und Begrünung.Während man/frau sich öffentlich klimafreundlich gibt, werden Maßnahmen gestrichen, die tatsächlich ökologische Wirkung hätten.
Täuschung mit der KlimakommissionEine Kommission, die Bürgernähe suggeriert, aber strukturell so angelegt ist, dass sie keine echte Macht hat und nachträglich gesehen implizit "umsonst" getagt hat. Symbolpolitik statt Klimapolitik.
Die Verbauung des GespinstmarktesEin weiteres Beispiel dafür, wie historische Stadtstruktur und Bürgerinteressen hinter Investorenlogik zurückstehen müssen.
Die Causa „Baugenehmigungsverfahren Eschach“Ein Verfahren, das Fragen nach Gleichbehandlung, Transparenz und Verwaltungskultur aufwirft.
Die geplante Schließung der Frischluftschneise Andermannsberg.Nicht zu vergessen die Brücke über die "Wangener Straße"
Trotz klarer bürgerlicher Widerstände. Trotz ökologischer Bedenken. Trotz Klimazielen. Trotz gesundem Menschenverstand.
3. Die Rolle der Presse: Schweigen als StrukturproblemDie heimatliche Presse berichtet über die neue Demokratie‑Ausstellung im Humpis‑Quartier – ausführlich, detailreich, historisch korrekt. Doch sie schweigt an anderer Stelle über die Demokratieprobleme der Gegenwart.
Keine kritische Analyse der OSH‑Causa. Keine Erwähnung der Petition. Keine Frage nach Bürgerbeteiligung. Keine Einordnung der strukturellen Defizite.
Die Zeitung erfüllt ihre Chronistenpflicht – aber nicht ihre demokratische Aufgabe.
4. Der Blogger als Symptom – und als RisikoDer Blogger selbst ist Teil dieses Bildes. Ein Bürger, der sich einmischt, recherchiert, kommentiert und kritisiert, aber auch konstruktive Vorschläge macht. Doch auch das birgt eine Gefahr: Man kann sich in diese Causa hineinsteigern. Man kann sich aufreiben. Man kann sich verlieren in der Logik des Widerstands.
Politik ist eine Galerie von Windmühlen. Man/n muss wissen, wann man/n die Lanze senkt. Nicht aus Resignation, sondern aus Klugheit.
Denn es gibt wichtigere Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt: Transparenz. Bürgernähe. Klimaschutz. Stadtgrün. Lebensqualität. Gerechtigkeit. Demokratische Kultur.
5. Lösungsvorschläge: Wie Ravensburg zurück zur Demokratie findetA. Bürgerbeteiligung verbindlich machen
verpflichtende Bürgerbefragungen bei Projekten über 5 Mio. €
öffentliche Informationsveranstaltungen vor jeder der im ersten Punkt getroffenen Bauentscheidung
digitale Beteiligungsplattform mit Abstimmungsfunktion
Bürgerräte für kontroverse Themen
Veröffentlichung aller Kosten, Kostensteigerungen mit mehr als 15 Prozent, Gutachten und Planungsunterlagen
jährlicher Infrastrukturbericht
klare Priorisierung nach Notwendigkeit statt Prestige
Medien sollten Bürgerwillen sichtbar machen, nicht nur durch "Leserbriefe", sondern durch klare und neutrale Berichterstattung
Blogger, Initiativen und Vereine müssen eigene Kanäle professionalisieren
Aufbau eines unabhängigen kommunalen Transparenzportals
Schulungen zu Bürgerkommunikation
klare Regeln gegen Informationszurückhaltung (LIFG)
Ombudsstelle für Bürgerbeschwerden
Frischluftschneisen schützen
Klimaaktivist/innen und Klimaorganisationen ernst nehmen
Grünflächen nicht als Restflächen behandeln
Neugründung einer Klimakommission und mit echter Entscheidungskompetenz ausstatten
Gemeinderat muss seine Rolle neu definieren: nicht als Abnick‑Gremium, sondern als Kontrollorgan
Verwaltung muss akzeptieren, dass kritische Bürger nicht Störfaktoren sind, sondern Teil des Souverän
Das Humpis‑Quartier zeigt, wie Ravensburg zur Demokratie fand. Die Gegenwart zeigt, wie Ravensburg sie verliert.
Demokratie ist kein Exponat. Sie ist kein historisches Kapitel. Sie ist kein Museumsobjekt.
Sie ist ein Prozess. Ein Kampf. Eine Kultur.
Und sie beginnt dort, wo Bürger nicht nur zuhören – sondern sprechen, fragen, widersprechen, fordern.
Ravensburg braucht eine neue demokratische Haltung.

