Der Bürger und die Bürgerin als SCHULDSKLAVEN der Politik ...
Es gibt Begriffe, die wir für überwunden halten, weil sie nach Antike, Mittelalter und längst vergangenen Imperien klingen. Schuldsklaven zum Beispiel. Menschen, die ihre Freiheit verloren, weil sie ihre Schulden nicht begleichen konnten und nun. Ein drastisches Wort, ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte. Und doch – wer heute genau hinhört und hinschaut, wer die politische Wirklichkeit nüchtern betrachtet, erkennt: Das Prinzip lebt weiter. Nur die Kulisse hat sich geändert.
Wir Bürgerinnen und Bürger sind keine Sklaven im historischen Sinn. Aber wir sind in ein System eingespannt, das uns eine merkwürdige, demokratisch verkleidete Schuld zuweist: Wir haben gewählt – und damit haben wir zu schweigen. So lautet die unausgesprochene Formel, die sich durch Gemeinderäte, Kreistage, Landtage und den Bundestag zieht wie ein feiner, aber zäher Faden.
Alle vier oder fünf Jahre geben wir unsere Stimme ab. Ein Akt der Freiheit, ein Ritual der Demokratie. Die Kandidierenden versprechen uns in diesen Wochen alles: Bürgernähe, Transparenz, Klimaschutz, Frieden, soziale Gerechtigkeit. Manche schwören es sogar unter Eid. Doch kaum ist die Wahl vorbei, kaum sind die Sessel verteilt, die Ausschüsse besetzt, die Diäten erhöht, kippt die Atmosphäre. Aus dem Versprechen wird eine Erwartung. Aus der Erwartung eine Forderung. Aus der Forderung eine Schuld.
„Ihr habt uns gewählt – also lasst uns in Ruhe arbeiten.“ So klingt es, wenn Bürger Kritik äußern. „Ihr blockiert uns mit euren E-Mails, Petitionen und Anrufen.“ So klingt es, wenn Bürger ihr Recht auf Mitsprache wahrnehmen. „Ihr seid uns etwas schuldig, weil wir uns für euch einsetzen.“ So klingt es, wenn Mandatsträger vergessen, wer der Souverän ist.
Und während wir angeblich „schuldig“ sind, zahlen wir tatsächlich: Wir zahlen Steuern, die Kriege finanzieren, Prestigeprojekte ermöglichen und politische Lebensstile, die man freundlich als „Kaviar statt Aldi-Marmelade“ beschreiben könnte. Wir zahlen für Missmanagement, das nicht nur Haushalte austrocknet, sondern auch Flüsse und Seen, weil Ökonomie weiterhin über Ökologie gestellt wird. Wir zahlen für Fehlentscheidungen, die uns als alternativlos verkauft werden. Wir zahlen für Bürokratien, die uns belehren, statt uns zu dienen. Und "on top" wird von uns verlangt, mehr und länger zu arbeiten. So, als seien wir tatsächlich "schuld" an dieser Krise.
Doch das Entscheidende ist: Wir zahlen auch mit unserer Geduld. Mit unserer Zeit. Mit unserer demokratischen Hoffnung.
Denn wenn wir kritisieren, werden wir behandelt wie lästige Gläubiger, die ihre Forderungen zu laut einfordern. Dabei ist es genau andersherum: Wir sind die Gläubiger. Die Politikerinnen und Politiker sind die Schuldner. Sie schulden uns Transparenz, Respekt, Mitsprache, Gemeinwohlorientierung. Sie schulden uns die Erfüllung der Aufgaben, für die wir sie gewählt haben – nicht die Erfüllung ihrer eigenen Karrierepläne.
Die demokratische Absurdität besteht darin, dass die Rollen vertauscht wurden. Wir sollen zahlen und "zahlen", schweigen und warten. Sie sollen entscheiden, gestalten und herrschen. Und wer das kritisiert, wird als Störenfried markiert.
Doch Demokratie ist kein Schweigekontrakt. Demokratie ist kein Schuldschein. Demokratie ist kein Mandat zur Selbstherrlichkeit. Nicht in Berlin, nicht in Stuttgart und nicht in Ravensburg.
Demokratie ist ein Auftrag – und zwar unser Auftrag an sie, nicht ihr Auftrag an uns.
Solange Mandatsträger solche Bürgerbeteiligung als Belästigung empfinden, solange Kritik als Angriff gilt und Transparenz als Zumutung, solange wird die Schuldsklaven-Metapher nicht nur rhetorisch, sondern politisch treffend bleiben.
Aber wir können sie durchbrechen. Indem wir uns nicht einschüchtern lassen. Indem wir unsere Rechte einfordern. Indem wir uns nicht zu Schuldnern erklären lassen, wo wir die Gläubigen sind.
Denn eines ist sicher: Die Demokratie gehört nicht denen, die sie verwalten. Sie gehört denen, die sie tragen.