🤡👺🐰 Fasnet, Furchtsamkeit und die große Ravensburger Selbstverkleidung - Die Fasnet als politisches Biotop für Kurzzeitdemokratie ...
Es gibt Städte, die Demokratie leben. Es gibt Städte, die Demokratie feiern. Und dann gibt es Ravensburg – die Stadt, die Demokratie verkleidet.
Zwischen Dreikönig und Aschermittwoch verwandelt sich das Schussental in eine Art politisches Disneyland: bunt, laut, ausgelassen, anarchisch – aber nur unter der Bedingung, dass alles, was gesagt wird, durch mindestens zwei Schichten Holz in Form einer Maske, drei Schichten Tradition und eine ordentliche Portion Selbstverleugnung gefiltert ist. Die Fasnet ist hier nicht einfach ein Fest. Sie ist ein Schutzraum für Mut, ein saisonales Biotop für Kritik, das sofort wieder eingeht, sobald der letzte Narrenmarsch verklungen ist.
Man könnte meinen, die Ravensburger hätten Angst, dass die Demokratie bei zu viel direktem Kontakt allergische Reaktionen zeigt.
Historisch war die Sache klar: Im Mittelalter durfte man die Obrigkeit nur dann verspotten, wenn man eine Maske trug – und selbst dann nur, wenn der Henker gerade Mittagspause hatte. Im Kaiserreich war es ähnlich, nur dass der Henker durch den Landrat ersetzt wurde. Die Fasnet war ein Ventil, ein Sicherheitsmechanismus, ein einmaliges „Ihr könnt uns mal!“ im Jahr.
Aber heute?
Heute leben wir in einem Land, in dem man seine Meinung 365 Tage im Jahr äußern darf. Ohne Maske. Ohne Häs. Ohne Hexenkapuze. Ohne dass der Oberbürgermeister beleidigt die Stadtfahne auf Halbmast setzt.
Und trotzdem: In Ravensburg wird Kritik weiterhin behandelt wie ein gefährliches Wildtier. Man beobachtet sie aus sicherer Entfernung, spricht leise darüber, füttert sie heimlich im Küchentischparlament, überlässt es wenigen anderen – aber selbst und öffentlich? Um Himmels willen, nein! Da könnte ja jemand zuhören. Hasenherz statt Braveheart!
Die Fasnet ist der einzige Zeitraum, in dem die Ravensburger sich trauen, das zu tun, was das Grundgesetz ihnen das ganze Jahr erlaubt: den Mund aufmachen.
Über 40 Gemeinderäte hat Ravensburg. Über 40 Menschen, die gewählt wurden, um kritisch, richtig kritisch zu reden. Und wie viele tun es? Zwei. Vielleicht drei. An guten Tagen.
Der Rest sitzt da wie eine lebende Installation aus dem Museum Humpis‑Quartier: „Kommunalpolitische Schweigsamkeit im frühen 21. Jahrhundert“. Man/frau könnte meinen, sie hätten Angst, dass ein kritisches Wort sofort einen spontanen Stromausfall verursacht.
Aber sobald die Fasnet beginnt, verwandeln sich dieselben Menschen in politische Stand‑up‑Comedians. Da wird ausgeteilt, da wird gespottet, da wird kritisiert, da wird die Obrigkeit durch den Kakao gezogen, als gäbe es keinen Morgen.
Und das ist der Punkt: Es gibt einen Morgen. Es gibt sogar 364 weitere davon. Aber da herrscht wieder Schweigepflicht.
Es ist nicht die Fasnet, die mich stört. Es ist die Feigheit, oder moderater zum Ausdruck gebracht, die Furchtsamkeit, die sie verdeckt oder die Angst vor der hinterhältigen Revanche. Denn in Ravensburg tut MAN so etwas nicht!
Kritik nur dann zu äußern, wenn sie als Witz durchgeht, ist ziemlich jämmerlich. Die "Feigheit", den Mut nur dann zu zeigen, wenn er hinter einer Maske versteckt ist, scheint symptomatisch. Die Angst, Demokratie nur dann zu leben, wenn sie als Folklore verkleidet ist, braucht kein Grundgesetz.
Und dann ist da noch die katholische Kirche. Früher war sie der große Taktgeber: Fastenzeit, Fleischverbot, Sündenkatalog, moralische Oberaufsicht. Die Menschen kompensierten das mit Karneval: Fleisch, Alkohol, Sex, Zucker – alles, was Spaß macht, in konzentrierter Form.
Heute ist die Kirche ein Papiertiger, der nur noch brüllt, wenn jemand die Kirchensteuer kündigt oder an 14 Tagen im Jahr die Armen speist. Ein Drittel der Bevölkerung gehört ihr noch an – und das auch nur, weil Austreten immer noch komplizierter ist als ein Handyvertrag zu kündigen.
Die Fastenzeit ist heute weniger religiöses Ritual als Wellness‑Challenge: „Ich faste Zucker.“ „Ich faste Alkohol.“ „Ich faste Instagram.“ „Ich faste Menschen, die sagen, dass sie fasten.“
Die Kirche hat ihre Macht verloren. Die Monarchie ist weg. Die Demokratie ist da. Und trotzdem tun wir so, als bräuchten wir die Fasnet, um einmal im Jahr die Wahrheit zu sagen.
Die Maske ist das Symbol der Fasnet. In Ravensburg ist sie das Symbol des Alltags.
Man trägt sie im Beruf. Man trägt sie in der Politik. Man trägt sie in der Öffentlichkeit. Man trägt sie im Verein. Man trägt sie sogar im Gespräch mit sich selbst.
Die Fasnet ist nicht die Ausnahme. Sie ist die Offenlegung des Normalzustands.
Was wäre, wenn Ravensburg die Maske abnehmen würde?Was wäre, wenn die Ravensburger das ganze Jahr über so mutig wären wie an der Fasnet? Was wäre, wenn der Gemeinderat nicht nur zwei oder drei Stimmen hätte, die sich trauen, sondern zwanzig plus X? Was wäre, wenn Kritik nicht als Angriff, sondern als demokratische Pflicht verstanden würde? Was wäre, wenn die Fasnet nicht das Ventil wäre, sondern der Spiegel?
Was wäre, wenn die Maske nicht verstecken, sondern entlarven würde?
Man könnte die Fasnet lassen, wie sie ist. Aber man könnte die Haltung ändern.
Man könnte sagen: „Wenn wir an der Fasnet die Wahrheit sagen können, dann können wir es auch am 17. April.“ - „Wenn wir im Häs mutig sind, können wir es auch im Alltag sein.“ - „Wenn wir die Obrigkeit ein paar Wochen lang verspotten dürfen, dürfen wir sie auch in 52 Wochen kritisieren.“
Die Fasnet könnte der jährliche Reminder sein: Demokratie ist kein Kostüm.
Ravensburg ist eine Stadt mit Geschichte, mit Kultur, mit Selbstbewusstsein. Eine Stadt, die stolz auf ihre Traditionen ist – und das zu Recht. Aber Tradition ist kein Ersatz für Mut.
Die Fasnet zeigt jedes Jahr, dass die Ravensburger laut sein können, kritisch, kreativ, unbequem. Die Frage ist: Warum nur dann?
Demokratie ist kein saisonales Angebot. Meinungsfreiheit ist kein Narrenrecht. Mut ist keine Folklore.
Vielleicht ist es Zeit, die Maske abzunehmen – nicht an Aschermittwoch, sondern an jedem Mittwoch und die drei Tage zuvor und die drei Tage danach.