DAVID & GOLIATH - Kein Märchen ° kein Mythos ° kein religiöses Ornament °, sondern Erschütterung der Selbstgewissheit und Entlarvung der Machtverhältnisse ...
Verehrte Leserschaft,
Das alte Bild von David und Goliath ist ein starkes, archetypisches Motiv, das seit Jahrtausenden genutzt wird, um Machtverhältnisse zu entlarven und richtig zu stellen, Selbstgewissheiten zu erschüttern und die Frage zu stellen, wer in einer Gemeinschaft eigentlich gehört wird – und wer nicht. Diese Geschichte ist kein Märchen, kein Mythos, kein religiöses Ornament. Sie ist ein Brennglas. Ein Prüfstein. Sie hat ewige Gültigkeit.
Und manchmal – gerade in Zeiten, in denen politische Prozesse sich anfühlen wie inszenierte Bühnenstücke – wirkt sie aktueller denn je.
Goliath ist in der biblischen Erzählung nicht nur groß. Er ist übergroß. Ein Monument. Ein wandelndes Symbol. Er ist weniger Mensch als Mythos. Seine Macht besteht nicht allein in seiner körperlichen Stärke, sondern in der kollektiven Vorstellung, dass er unbesiegbar sei.
Das Entscheidende ist: Goliath gewinnt nicht, weil er kämpft. Goliath gewinnt, weil alle glauben, dass er gewinnt.
Diese Dynamik findet sich in modernen Demokratien erstaunlich oft wieder. Nicht, weil einzelne Menschen Riesen wären. Sondern weil Systeme, Netzwerke, Gewohnheiten und Erzählungen sie zu solchen machen.
Ein amtierender Amtsinhaber – egal wo – trägt eine Aura der Unantastbarkeit. Nicht, weil er unfehlbar wäre. Sondern weil er eingebettet ist in ein Geflecht aus Routinen, Loyalitäten, institutionellen Automatismen und medialen Spiegelungen.
Ein Gemeinderat, der sich an die vertraute Zusammenarbeit gewöhnt hat. Eine Verwaltung, die Stabilität schätzt und nicht wagt, aufzumucken. Medien, die lieber über das Bekannte berichten als über das Unbekannte. Bürgerinnen und Bürger, die sagen: „Der macht das doch ganz gut.“
So entsteht ein Heer. Nicht aus Soldaten, sondern aus Strukturen. Nicht aus Waffen, sondern aus Gewohnheiten. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Erzählungen.
Goliath ist nicht der Riese. Goliath ist die Geschichte vom Riesen.
David hingegen ist in der biblischen Erzählung kein Held. Er ist ein Hirtenjunge. Einer, den niemand ernst nimmt. Einer, der nicht in die Rüstung passt. Einer, der nicht in die Logik des Systems passt.
Und genau das macht ihn gefährlich.
Denn David steht für das Unberechenbare. Für das Neue. Für das, was nicht in die gewohnten Schubladen passt. Für das, was nicht durch jahrzehntelange Netzwerke abgesichert ist.
In modernen Demokratien sind es oft die Herausforderer – egal welcher Couleur –, die diese Rolle einnehmen. Sie kommen ohne Machtapparat. Ohne eingespielte Bündnisse. Ohne die mediale Selbstverständlichkeit, die Amtsinhaber umgibt.
Sie kommen mit Ideen. Mit Mut. Mit der Bereitschaft, Dinge anders zu denken. Und manchmal – das ist entscheidend – mit einer Vision, die größer ist als sie selbst.
In vielen Städten und Gemeinden sind es heute vor allem jene, die sich für Klimaschutz, Vielfalt, Demokratieerneuerung und gesellschaftlichen Wandel einsetzen, die diese David-Rolle verkörpern. Nicht, weil sie schwach wären. Sondern weil sie gegen Strukturen antreten, die sich selbst für naturgegeben halten.
David ist nicht der Schwache. David ist derjenige, der diese Regeln nicht akzeptiert.
Demokratie ist kein technisches Verfahren. Sie ist ein kulturelles System. Sie lebt von Geschichten – von denen, die wir über uns selbst erzählen, und von denen, die über uns erzählt werden.
Wenn Medien einen Amtsinhaber als unbesiegbaren, sattelfesten Cowboy darstellen, dann ist das nicht nur eine Beschreibung. Es ist eine Erzählung. Eine, die sich tief in die Wahrnehmung frisst. Eine, die Erwartungen formt. Eine, die Gegner klein erscheinen lässt, bevor sie überhaupt sprechen durften.
Wenn Herausforderer als Comicfiguren dargestellt werden, dann ist das nicht harmlos. Es ist eine subtile Form der Delegitimierung. Eine, die sagt: „Ihr seid nicht ernst zu nehmen.“ Eine, die die politische Arena zur Bühne macht – und die Bühne zur Farce.
Doch Demokratien sterben nicht an schlechten Entscheidungen. Sie sterben an schlechten Erzählungen.
An Erzählungen, die Macht naturalisieren. An Erzählungen, die Alternativen lächerlich machen. An Erzählungen, die Veränderung als Bedrohung darstellen. An Erzählungen, die Bürgerinnen und Bürger zu Zuschauern degradieren.
Goliath lebt von der Erzählung seiner Unbesiegbarkeit. David lebt von der Erzählung, dass Mut stärker ist als Macht.
In der biblischen Geschichte steht David letzten Endes allein auf dem Feld. Doch in modernen Demokratien ist das anders. Kein Herausforderer steht allein. Er steht auf den Schultern einer Zivilgesellschaft.
Und diese Zivilgesellschaft ist oft viel größer, als man denkt.
Da sind die Klimabewegten, die nicht aus Lust am Protest auf die Straße gehen, sondern aus Sorge um die Zukunft. Da sind die Demokratieschützer, die sich gegen Extremismus stellen, weil sie wissen, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Da sind die Menschen, die Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung sehen. Da sind die Bürgerinnen und Bürger, die Veränderung nicht fürchten, sondern einfordern.
Dieses Heer ist nicht unbedingt immer laut. Es ist nicht martialisch. Es trägt keine Rüstung.
Aber es trägt etwas anderes: Hoffnung.
Und Hoffnung ist eine politische Kraft. Eine, die unterschätzt wird. Eine, die keine Schlagzeilen macht. Eine, die keine PR-Abteilung hat. Aber eine, die Demokratien erneuern kann.
Was war Davids Waffe? Ein Stein. Ein lächerlich kleines Projektil gegen einen gepanzerten Riesen.
Doch dieser Stein steht symbolisch für etwas anderes: für den Punkt, an dem ein System verwundbar ist. Für die Stelle, an der Macht ihre Blindheit offenbart. Für die Schwachstelle, die jeder Riese hat – auch wenn er sie selbst nicht sieht.
In modernen Demokratien ist dieser Stein oft:
eine unbequeme Frage
ein neuer Gedanke
ein anderer Blickwinkel
ein mutiger Vorschlag
ein zivilgesellschaftlicher Impuls
ein Thema, das nicht mehr wegzuschieben ist
Der Stein ist nicht Gewalt. Der Stein ist Erkenntnis.
Und Erkenntnis kann treffen. Mitten in die Stirn eines Systems, das sich zu sicher fühlt.
Goliath hat keine Angst vor David. Er lacht über ihn. Er verspottet ihn. Er nimmt ihn nicht ernst.
Doch genau darin liegt seine Schwäche.
Denn wer sich für unbesiegbar hält, hört auf zuzuhören. Wer sich für unantastbar hält, hört auf zu lernen. Wer sich für alternativlos hält, hört auf, sich zu rechtfertigen.
Und wer sich nicht mehr rechtfertigen muss, verliert den Kontakt zur Realität.
Demokratische Systeme sind dann am gefährlichsten, wenn sie glauben, sie seien stabil. Denn Stabilität ist kein Zustand. Sie ist ein Prozess. Ein täglicher. Ein mühsamer. Ein fragiler.
Goliath fällt nicht, weil David stark ist. Goliath fällt, weil er blind ist.
Die Geschichte von David und Goliath ist keine Anleitung zum Umsturz. Sie ist eine Einladung zur Reflexion.
Sie fragt uns:
Wem gehört eine Stadt?
Wer bestimmt die Erzählungen?
Wer wird gehört – und wer nicht?
Welche Stimmen gelten als legitim?
Welche Veränderungen werden als Bedrohung dargestellt – und warum?
Welche Machtstrukturen halten sich selbst für naturgegeben?
Und: Wer profitiert davon?
Sie erinnert uns daran, dass Demokratie kein Zuschauersport ist. Sie funktioniert nicht, wenn wir sie delegieren. Dass sie nicht lebendig bleibt, wenn wir sie für selbstverständlich halten.
Und sie erinnert uns daran, dass jeder Riese nur so groß ist, wie wir ihn machen.
Am Ende der biblischen Geschichte steht David über dem gefallenen Goliath. Doch das ist nicht der entscheidende Moment. Der entscheidende Moment ist der, in dem David auf das Feld tritt. In dem er sagt: „Ich akzeptiere eure Regeln nicht.“ In dem er sich weigert, die Geschichte vom unbesiegbaren Riesen zu glauben.
Demokratie lebt von solchen Momenten. Von Menschen, die sagen: „Wir wollen Veränderung.“ „Wir wollen Vielfalt.“ „Wir wollen Zukunft.“ „Wir wollen, dass unsere Stadt uns gehört – allen, nicht nur den Mächtigen.“
Und sie lebt von Bewegungen, die diese Menschen tragen. Von Klimaschutzinitiativen. Von demokratischen Bündnissen. Von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Von all jenen, die nicht schweigen, wenn es unbequem wird.
Die Zukunft gehört nicht den Riesen. Sie gehört denen, die den Mut haben, die Geschichte neu zu erzählen.