Über die "demokratische Reife" der Stadt Ravensburg - Die Zeitung hat eine Entscheidung getroffen. Die Bürger und Bürgerinnen müssen nun ihre eigene treffen ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Wenn die mediale Berichterstattung - sei es eine Zeitung, ein Blog oder ein Post - nicht erklärt, sondern konditioniert, entsteht ein Klima, in dem junge politische Stimmen kaum eine Chance haben. Diese Kolumne will offenlegen, wie subtile dramaturgische Entscheidungen der hiesigen Monopolstellung die Wahrnehmung eines Kandidaten formen — und was das über die demokratische Reife einer Stadt verrät.
Es genügt bereits der Anfang eines Artikels, um zu erkennen, wie schnell eine Stadt ihre Zukunft verspielt, wenn sie ihre Jugend zuerst durch die Lupe der Verdächtigung betrachtet.
Es ist bemerkenswert, wie viel politische Architektur in wenigen Zeilen entstehen kann. Die Schwäbische Zeitung demonstriert es erneut in ihrem jüngsten Porträt eines jungen Bewerbers für das höchste Amt der Stadt: Noch bevor der Leser und die Leserin erfahren, welche Ideen dieser Mensch hat, welche Visionen ihn antreiben, welche Verantwortung er übernehmen möchte, wird er in ein Koordinatensystem gesetzt, das aus zwei Schlagworten besteht: Klima und Kriminalität.
Damit ist der Rahmen gesetzt. Nicht die Frage „Was will dieser Kandidat für Ravensburg?“ steht am Anfang, sondern die Frage „Was hat er getan, das man gegen ihn verwenden kann und/oder was ihn für das höchste Amt disqualifiziert?“. Die Dramaturgie ist klar: Wer mit zivilem Ungehorsam in Verbindung gebracht wird, soll nicht als politischer Akteur erscheinen, sondern als Risiko.
Dass ziviler Ungehorsam in der Geschichte der Demokratie oft der Beginn notwendiger gesellschaftlicher Veränderungen war, wird nicht erwähnt. Dass Gerichte Teile der Urteile später kassierten, hätte ihre Erwähnung eigentlich obsolet gemacht. Doch die ersten Sätze haben ihre Arbeit bereits getan: Sie erzeugen ein Klima der Distanz, bevor überhaupt ein Gedanke ausgesprochen wird.
Die Reduktion eines Menschen auf zwei Reizworte - auch wenn sie teilweise impliziert sind - ist kein Zufall. Sie ist ein Muster, das sich in vielen Kommunen beobachten lässt: Wer jung ist, wer unbequem ist, wer neue Themen setzt, wird nicht über seine Inhalte eingeführt, sondern über seine Abweichungen. Die Abweichung wird zur Identität, die Identität zur politischen Kategorie.
Dabei wäre es ebenso möglich gewesen, den Artikel mit einem anderen Fokus zu beginnen: – mit dem Mut eines jungen Menschen, sich einer etablierten politischen Ordnung entgegenzustellen, – mit der Frage, warum jemand mit 23 Jahren das Gefühl hat, dass die Stadt zu langsam handelt, – oder mit der Beobachtung, dass Engagement – auch radikales – Ausdruck einer tiefen Sorge um die Zukunft ist. Und dabei darf nicht vergessen werden: Ein Großteil der Wähler und Wählerinnen des bevorstehenden Urnenganges ist --> JUNG!
Doch stattdessen wird ein Bild gezeichnet, das nicht öffnet, sondern schließt.
Besonders aufschlussreich ist die Passage über den schulischen Werdegang des jungen Kandidaten. Nicht etwa die erreichte Qualifikation der "Mittleren Reife" durch Abschluss der 10. Klasse mit der Note von 1,3 wird genannt, sondern nur der - übrigens bewusste, aus Angst um unser aller Zukunft - Abbruch der 11. Klasse. Das jedoch so verdreht darzustellen, wie die Zeitung es tut, ist kein Zufall, sondern ein rhetorischer Griff in die Werkzeugkiste der sozialen Abwertung.
Das wird von jenen, die den Mitkandidaten persönlich kennen - jedoch nicht allein von ihnen - als Diffamierung, Mobbing und Ausgrenzung eines Individuums, eines Menschen, eines Bürgers der Stadt und des Staates und eines an der Demokratie partizipierenden Bürgers empfunden und gewertet. Ganz zu Recht. Und Mobbing wäre in diesem Fall ein Straftatbestand.
Denn in der öffentlichen Wahrnehmung gilt: Wer abbricht, hat versagt. Wer versagt, ist nicht geeignet. Und wer nicht geeignet ist, sollte nicht kandidieren.
Dass Bildungswege heute vielfältig sind, dass Menschen in jungen Jahren Umwege gehen, dass politische Reife nicht an Schulabschlüssen hängt – all das wird ausgeblendet. Die Realität ist: Eine junge Bundestagsabgeordnete aus unserer Region, die seit 17 Jahren ein festes Mandat trägt und bundesweit hohes Ansehen genießt, hat ihr Studium ebenfalls unterbrochen und wird es erst später nachholen. Niemand - vor allem niemand bei der hiesigen Zeitung - käme heute auf die Idee, ihr daraus einen Strick zu drehen.
Warum also wird bei einem jungen kommunalen Kandidaten genau dieser Punkt hervorgehoben? Die Antwort ist einfach: Weil es wirkt.
Demokratie lebt davon, dass Menschen wachsen. Dass sie Fehler machen, Erfahrungen sammeln, Perspektiven wechseln. Dass sie sich weiterbilden, weiterentwickeln, weiterdenken. Ein junger Kandidat, der Verantwortung übernehmen will, ist kein Risiko – er ist ein Symptom einer lebendigen Demokratie.
Die Frage, ob jemand später einen Abschluss nachholt, ist keine Frage der Eignung, sondern der Lebensplanung. Und Lebensplanung ist kein Kriterium für politische Legitimität.
Wer heute mit 23 kandidiert, kann mit 25, 28 oder 30 einen Abschluss nachholen. Wer heute mit 23 kandidiert, zeigt vor allem eines: Mut. Und Mut ist eine Ressource, die in der kommunalen Politik oft schmerzlich fehlt.
Der Artikel hätte auch anders beginnen können. Er hätte beginnen können mit der Tatsache, dass ein junger Mensch fünf Jahre seines Lebens einem Anliegen widmet, das wissenschaftlich unstrittig ist. Er hätte beginnen können mit der Frage, warum jemand bereit ist, persönliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen, um auf Missstände hinzuweisen. Er hätte beginnen können mit der Beobachtung, dass ziviler Ungehorsam in der Geschichte der Demokratie immer wieder der Katalysator für notwendige Veränderungen war.
Doch stattdessen wird ein Bild gezeichnet, das nicht erklärt, sondern einordnet. Nicht neugierig macht, sondern abschreckt.
Medien haben die Aufgabe, zu informieren, nicht zu suggerieren. Sie sollen einordnen, nicht einengen. Sie sollen Perspektiven öffnen, nicht verengen. Wenn ein Artikel über einen Kandidaten beginnt wie ein kriminalistisches Dossier, dann ist das keine neutrale Berichterstattung – es ist eine dramaturgische Entscheidung.
Und dramaturgische Entscheidungen haben politische Wirkung.
Die Frage ist daher nicht, ob der Artikel Fakten enthält. Die Frage ist, welche Fakten er zuerst nennt, welche er auslässt und welche er betont. Denn die Reihenfolge der Informationen ist selbst eine Form der Interpretation.
Kommunalpolitik ist ein besonderer Resonanzraum. Hier kennt man/frau sich, hier begegnet man sich, hier wirken Zuschreibungen stärker als in der anonymen Bundespolitik. Ein einziger Zeitungsartikel kann in einer Kleinstadt mehr bewirken als zehn Bundestagsreden in Berlin. Genau deshalb trägt die lokale Presse eine Verantwortung, die weit über das bloße Berichten hinausgeht.
Die Schwäbische Zeitung weiß das. Sie weiß, dass ihre Worte nicht im luftleeren Raum stehen, sondern in einem sozialen Gefüge, das empfindlich reagiert. Wenn sie einen jungen Kandidaten mit Begriffen einführt, die an den Rändern der Legalität kratzen, dann ist das nicht nur eine Beschreibung – es ist, wie auch schon an anderen Stellen erwähnt, eine Setzung. Eine Setzung, die im kollektiven Gedächtnis hängen bleibt.
Die Psychologie dahinter ist einfach: Menschen erinnern sich stärker an das, was sie emotional aktiviert. Und Begriffe wie „Gericht“, „Verurteilung“, „Jugendarrest“ aktivieren – unabhängig vom Kontext. Sie erzeugen ein Gefühl von Risiko, von Unsicherheit, von „Da stimmt doch etwas nicht“. Genau diese Mechanik macht die ersten Sätze eines Artikels so mächtig.
Doch eine demokratische Öffentlichkeit sollte sich fragen: Wollen wir wirklich, dass die Zukunft unserer Stadt durch die dramaturgischen Reflexe einer Redaktion vorgeprägt wird?
Fairness bedeutet nicht, jemanden zu schonen. Fairness bedeutet, jemanden vollständig darzustellen. Mit Stärken und Schwächen, mit Brüchen und Potenzialen, mit Vergangenheit und Zukunft. Fairness bedeutet, nicht nur das zu zeigen, was irritiert, sondern auch das, was inspiriert.
Ein junger Mensch, der fünf Jahre seines Lebens einem Anliegen widmet, das wissenschaftlich unstrittig ist, verdient zumindest die Frage: Was treibt ihn an? Nicht: Was kann man ihm anlasten?
Fairness bedeutet auch, Bildungswege nicht als Waffe zu benutzen. Wer heute mit 23 kandidiert, hat ein ganzes Leben vor sich. Und wer heute mit 23 einen Abschluss nicht hat, kann ihn morgen nachholen. Die junge Bundestagsabgeordnete, die seit 17 Jahren ein Mandat trägt und bundesweit hohes Ansehen genießt, ist das beste Beispiel dafür, dass politische Reife nicht an lineare Lebensläufe gebunden ist.
Eine Stadt, die sich als modern, offen und zukunftsorientiert versteht, sollte sich fragen, warum ein junger Kandidat in der öffentlichen Darstellung auf seine Konflikte reduziert wird – und nicht auf seine Visionen. Warum werden seine Entwicklungsmöglichkeiten nicht sichtbar gemacht? Warum wird sein Engagement nicht als Ressource, sondern als Risiko dargestellt?
Die demokratische Reife einer Stadt zeigt sich nicht daran, wie sie mit etablierten Amtsinhabern umgeht, sondern wie sie mit Herausforderern umgeht. Nicht daran, wie sie das Bekannte bewertet, sondern wie sie das Neue zulässt.
Die eigentliche Frage, die sich Ravensburg in diesen post-närrischen Tagen stellen muss, lautet nicht: „Ist dieser junge Kandidat perfekt?“ Sondern: „Ist diese Stadt bereit, Menschen nicht nach ihren Brüchen zu beurteilen, sondern nach ihrem Potenzial?“
Denn eine Stadt, die nur das Wählbare wählt, das bereits fertig ist, wird irgendwann von dem überholt, was sich außerhalb ihrer Mauern entwickelt. Eine Stadt, die nur das Bekannte zulässt, verliert den Anschluss an das Kommende. Und eine Stadt, die junge Menschen zuerst durch die Brille der Verdächtigung betrachtet, darf sich nicht wundern, wenn diese jungen Menschen irgendwann nicht mehr für sie kandidieren und die so wie so schon arme Demokratie dadurch noch ärmer machen. Und wie schon gesagt: Ein Großteil der Wähler und Wählerinnen des bevorstehenden Urnenganges ist --> JUNG!
Am Ende geht es nicht um eine Person. Es geht um ein Prinzip. Es geht darum, ob eine Stadt bereit ist, ihre Zukunft nicht durch die Dramaturgie eines Artikels bestimmen zu lassen, sondern durch die Offenheit ihrer Bürgerinnen und Bürger.
Die Schwäbische Zeitung hat mit ihrem Artikel-Einstieg eine Entscheidung getroffen. Die Bürger und Bürgerinnen müssen nun ihre eigene treffen ...