OB-Kandidaten stellen sich vor: "Es wäre klug, nicht nur dem Klang der Sätze zu lauschen, sondern der Spur, die hinter den Worten liegt."
Heute, Freitag, den 27. Februar 2026 um 19 Uhr, im Konzerthaussaal der Stadt Ravensburg, wird es zu einem Ritual kommen, das mindestens so alt ist wie unsere Republik und eigentlich darüber hinaus älter als jede Wahlurne: Menschen sprechen, stellen sich und ihre Gedanken vor, während andere zuhören. Und irgendwo dazwischen entsteht ein Bild, das mit viel Klang zu tun haben wird und das mit späteren Taten deckungsgleich sein soll. Vier Kandidaten, viermal fünfzehn Minuten, keine Fragen aus dem Publikum. Nur Stimmen, die in den Raum gestellt werden wie Laternen, welche die Dämmerung für einen kurzen Moment aufhellen.
Der eine der Redner wird gewiss mit der Sicherheit eines Menschen sprechen, der die Bühne kennt. Seine Worte werden vermutlich glatt sein, poliert wie Kieselsteine im Flussbett der Routine. Sie werden rollen, nicht holpern. Sie werden sich anfühlen wie etwas, das schon oft gesagt wurde, aber nun wieder neu glänzt, weil das Licht günstig fällt.
Die anderen werden vermutlich auch anders klingen. Vielleicht kantiger. Vielleicht unkonventionell. Vielleicht mit Sätzen, die nicht perfekt landen, sondern kurz taumeln, bevor sie stehen. Worte, die noch nicht durch tausend Wiederholungen geglättet wurden, sondern noch die Rauheit des Ursprungs tragen.
Und hier beginnt das Skurrile: Das Publikum liebt Glätte. Es liebt sie wie frisch gebohnerten Parkettboden – man/frau kann darauf tanzen, ohne hängen zu bleiben. Doch Glätte eines Bodens sagt nichts über seine Tragfähigkeit aus. Ein polierter Satz kann leer sein, ein holpriger Satz kann wahr sein. Worte sind keine Beweise, sie sind Angebote.
Taten hingegen sind störrisch. Sie lassen sich nicht frisieren. Sie erinnern sich an das, was gestern gesagt wurde, und fragen ungeduldig: „Und? Was ist daraus geworden?“ Taten sind die Chronisten eines Menschen, und sie schreiben mit einer Tinte, die nicht verblasst.
Darum wäre es klug, morgen Abend nicht nur dem Klang zu lauschen, sondern der Spur, die hinter den Worten liegt. Nicht nur der Eleganz, sondern der Natürlichkeit getränkt in Herzblut. Nicht nur der Routine, sondern der Redlichkeit.
Vielleicht wird der Eine glänzen. Vielleicht werden die anderen drei stolpern. Doch Glanz ist kein Argument, und Stolpern kein Makel. Manchmal ist gerade das Ungeglättete ein Zeichen dafür, dass jemand noch ringt – mit sich, mit der Aufgabe, mit der Wahrheit. Es ist der Unterschied zwischen einem glatt abgefahrenen Reifen einerseits und einem mit echtem Profil andererseits.
Und so richtet sich diese Kolumne an alle, die morgen im Saal sitzen oder stehen werden, an jene, die lauschen, vergleichen, abwägen: Lassen Sie sich nicht vom Klang allein verführen. Lauschen Sie nicht nur der Oberfläche der Sätze, sondern dem Untergrund, aus dem sie steigen. Fragen Sie sich, aus welchem inneren Ort gesprochen wird – aus Gewohnheit oder aus Überzeugung, aus eingeübter Eleganz oder aus einem echten Ringen um Wahrheit. Hören Sie deshalb nicht nur, wie gesprochen wird. Hören Sie, woher gesprochen wird. Hören Sie auf die Temperatur der Stimme, auf die kleinen Brüche, auf das, was nicht gesagt wird, aber mitschwingt. Worte können schimmern wie frisch polierte Metallflächen, doch ihr Glanz sagt nichts darüber aus, ob darunter Stahl oder nur eine dünne Folie liegt.
Manchmal fällt die Entscheidung des Zuhörers für oder gegen einen Kandidaten im Moment des gerade im Saal verklungenen Satzes und des nächsten Atemzugs.