Ravensburger Sonntag mit "Demokratie im Doppelpack" und erhöhtem Spannungsgrad / No surprise zu hohem Preis?
- Lesen Sie bitte auch hier:
- Wahllokal in Ravensburg fehlt jedwede Beflaggung: Landtagswahl BW, OB-Wahl RV, "Internationaler Frauentag" - Wahllokalleiter auf bürgerlichen Hinweis: Nicht notwendig!
- Die Wahlergebnisse für die OB-Wahl in Ravensburg sind ▶▶▶ HIER ◀◀◀ abzufragen.
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Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Dieser Sonntag in der Stadt Ravensburg heute ist einer, wo so manche/r Bürger/in nach der langen Nacht der Lichter gähnt, während andere die Luft anhalten. Denn heute stehen die Landtagswahlen mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen und die Ravensburger OB-Wahl mit einem Dani-Kopf und drei Herausforderer-Potraits an. Während die Landtagswahl wie ein Beifang im Netz der politischen Fünfjahresroutine durch den Bodensee treibt, richtet sich der Blick vieler Bürgerinnen und Bürger der Stadt auf die Frage: Bleibt alles beim Alten – oder wagt Ravensburg ein kleines politisches Abenteuer?
Drei Herausforderer stehen bereit, dem Amtsinhaber ein paar Prozentpunkte abzuringen. Vielleicht sogar mehr. Vielleicht auch nicht. Ravensburg ist schließlich eine Stadt, die Überraschungen liebt – aber nur in homöopathischen Dosen.
Sollte der amtierende Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp heute Abend wieder mit einem Ergebnis jenseits der 90‑Prozent‑Marke das Rathaus betreten, wäre das kein persönliches Drama für jene, die sich Veränderung wünschen. Es wäre vielmehr ein Spiegel: ein Spiegel einer Stadt, die Gewohntes und Unverändertes höher bewertet als Experimente. Man/frau kann das bedauern und/oder es analysieren – aber man/frau muss es grundsätzlich nicht persönlich nehmen - wenn es nicht Ravensburg 2025/26 wäre. Demokratie soll kein Casting sein, bei der Mann/die Männer beleidigt die Bühne verlassen, wenn die Jury (das Volk) anders entscheidet.
Eines aber darf auch hier nicht unerwähnt bleiben. Der Amtsinhaber und wieder zur Wahl Stehende trat nicht nur mit dem üblichen Bonus der Bekanntheit an, sondern mit einem Umfeld, das ihm freundlich gesonnen war. Ob aus böser Absicht oder nicht, aber ganz sicher mit zu viel Nähe und taktischer Routine.
Dazu eine ausgefallene Gemeinderatssitzung, die kritische Debatten vertagte. Wahlwerbeanzeigen im Amtsblatt, das eigentlich neutral sein sollte. Eine Kandidatenvorstellung, deren Moderation eher den Einen schützend als ausgleichend und neutral wirkte. Und eine Zeitung, die die drei Herausforderer nicht gerade mit offenen Armen empfing.
Nichts davon ist ein Skandal. Aber alles zusammen ergibt eine Atmosphäre, in der Wettbewerb eher geduldet als gewollt erscheint.
Und doch bleibt die Frage: Welchen Preis zahlt eine Stadt, wenn sie Überraschungen konsequent vermeidet? Manchmal ist „No surprise“ eben auch „zu hohem Preis“ – nicht, weil der Amtsinhaber schlecht wäre, sondern weil politische Kultur ohne Wettbewerb verflacht wie ein See ohne Zuflüsse oder stirbt wie ein See ohne Abflüsse (Totes Meer).
Kommt es anders, wenn die drei Gegenkandidaten Roman Urban, Umut Bulut, und Samuel Bosch zusammen genug Stimmen sammeln, um dem Amtsinhaber einen sichtbaren Dämpfer zu verpassen? Auch dann wäre Häme fehl am Platz. Eine demokratische Korrektur ist kein „Ätschi‑Bätsch“, sondern ein vitales Zeichen: Die Stadt lebt, diskutiert, wägt ab. Ein solches Ergebnis wäre kein Sturz, sondern ein Hinweis. Ein demokratischer Hinweis, dass Bürgerinnen und Bürger mehr Beteiligung, mehr Transparenz, mehr Zukunftsfragen einfordern.
Es wäre ein Moment, der nicht spaltet, sondern öffnet: für Gespräche, für neue Töne, für ein anderes Selbstverständnis politischer Verantwortung.
Ravensburg entscheidet heute nicht über Sieger und Verlierer, sondern über Richtung und Rhythmus. Ob mit einem überwältigenden „Weiter so“ oder einem vorsichtigen „Wir wollen mehr, wir wollen anderes“ – beide Ergebnisse sind legitim, beide erzählbar, beide interpretierbar. Wenngleich der bittere Nachgeschmack der Unfairness in Erinnerung bleiben wird. Vergeben heißt nicht unbedingt auch "vergessen".