Das große Klagelied der Stadt Ravensburg - Statt alte Löcher zu stopfen, werden neue aufgemacht ...
Es gibt in Ravensburg ein Geräusch, das lauter ist als jeder Baustellenlärm, jedes Presslufthämmern und jedes Kreischen von Betonsägen.
>>> Es ist das städtische Klagelied über den Wohnungsmarkt. Seit einem Jahrzehnt wird es angestimmt, mal im zarten Piano, mal im wütenden Fortissimo und neuerdings – wie der Oberbürgermeister und der Baubürgermeister stolz demonstrieren – sogar im viergestrichenen C. Ein Ton, der so hoch ist, dass er nur noch von Fledermäusen und genervten Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen wird.
300, 400 oder 500 Leerstände – niemand weiß es so genauDie Stadt weiß nicht, wie viele Wohnungen leer stehen. 300? 400? 500? Man* könnte meinen, es handle sich um ein Naturphänomen, gleich von Nebelschwaden über dem Schussental – mystisch, ungreifbar, nicht messbar. Dabei zeigen Analysen, dass im Kreis Ravensburg Tausende Wohnungen leer stehen, viele davon seit über einem Jahr. Ein Teil ist sanierungsbedürftig, ein Teil schlicht blockiert, ein Teil aus Angst, Ärger oder Bequemlichkeit nicht vermietet. Wo ist die Ravensburger Analyse?

Doch statt diese Leerstände systematisch zu erfassen, zu kategorisieren und diesen Missstand psychologisch klug anzugehen, wird weiter geklagt. Und geklagt. Und geklagt.
Hören wir mal rein in ein Interview, dass die "Schwäbische Zeitung" jüngst mit dem wiedergewählten Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg geführt hat. Dort sagt Dr. Rapp:
Ich könnte diesen Text jetzt mit einem eigens dafür kreierten Artikel zerlegen. Darauf verzichte ich. Stattdessen übersetze ich das Gesagte in das, was wohl vom OB gemeint respektive die Realität ist:
Die Antwort der Stadt: Geldprämien statt MenschenkenntnisRavensburg hat jüngst einen „Prämienkatalog“ eingeführt – Einmalzahlungen für Vermieter, die ihre Wohnungen wieder vermieten, und Boni für Mieter, die in kleinere Wohnungen ziehen. Ein netter Versuch, aber eben nur das: ein Versuch. Denn Geld löst keine Ängste, beseitigt keine schlechten Erfahrungen, ersetzt keine Emotionen und keine Beziehungspflege. Genau das wäre aber nötig, um Eigentümer zu überzeugen, ihre Türen wieder zu öffnen oder ihre zu großen Wohnungen freizugeben bzw. ihre Mietpreise nicht nach der Devise "Rendite, Rendite, Rendite" auszurichten.
Psychologische und pädagogische Initiativen? Fehlanzeige. Eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, die strategisch eingreift? Verschwunden wie ein Phantom. Ein langfristiges Konzept, das Leerstand, Unterbelegung und Neubau zusammen denkt? Nicht in Sicht.
Als Randnotiz – aber eine, die das Gesamtbild abrundet:
Die Oberschwabenhalle, deren Sanierungs- und Umbaukosten zu einer Sportarena explodieren werden.
Die Überbauung der Wangener Straße mit einer Ypsilon-Brücke: ein Projekt, das mehr Fragen als Antworten generiert und natürlich auch teurer als "gedacht" (?) wurde.
Die Kornhaussanierung, die sich wie ein Fass ohne Boden anfühlt und auch sein wird.
Diese Projekte wirken wie Ablenkungsmanöver. Doch in Wahrheit ist es eine Flucht nach vorne – weg vom eigentlichen Problem:
Ravensburg hat keinen Mangel an Bauprojekten. Ganz gewiss nicht. Ravensburg hat einen Mangel an echter Wohnpolitik. Denn wer baut, ist aktiv. Wer baut, hat Visionen. Wer baut, braucht nicht nachzudenken.
Währenddessen: Neubauprojekte für die, die es sich leisten könnenWährend die Stadt beim Leerstand im Nebel stochert, wird an anderer Stelle kräftig zugebaut:
Bezner-Areal: Mieten und Kaufpreise, die für Durchschnittsverdiener kaum erreichbar sind. Ein Nobelviertel.
Alte Maschinenfabrik: Die soll abgerissen werden. Ein „urbanes Gelände“ soll hier entstehen – ein Begriff, der meist bedeutet: teuer, schick, investorenfreundlich.
Und im offiziellen Flyer zum „Tag der Städtebauförderung“ am 9. Mai 2026? Kein Wort über Leerstand. Kein Wort über Wohnungsnot. Kein Wort über die eigene Verantwortung. Stattdessen ein Grußwort des OB, das klingt wie ein Werbetext für eine Musterstadt, die Ravensburg gerne wäre, aber nicht ist. Wie ein Werbetext für die Baufirma, die ihre Wohnungen loswerden möchte.
Denn wenn man* die laufenden Anzeigen jener Firma für den Verkauf der Wohnungen im "Osten" der Stadt Ravensburg liest, geht es nur um eines: Rendite für die Käufer, wenn diese anschließend ihre Wohnungen vermieten. Und die muss ja irgendwo herkommen. Richtig! Schöne, fette Mietpreise!
Und - für solch ein Fest ist Geld da. Für das Klima nicht und auch nicht für all das, was aus angeblichem Geldmangel der Stadt in ihr auf der Strecke bleibt.
Der Markt ist schuld – natürlich!Wenn gar nichts mehr hilft, wird der Markt bemüht. Der Markt hat versagt. Der Markt ist schuld daran, dass Wohnungen leer stehen. Der Markt ist schuld daran, dass Neubauten teuer sind. Der Markt ist schuld daran, dass Menschen allein leben. Der Markt ist schuld, dass die Verwaltung nicht hinterherkommt.
Der Markt ist ein dankbarer Sündenbock – er widerspricht nicht.
Statt alte Löcher zu stopfen, werden neue aufgemachtDie Stadt Ravensburg hat ein strukturelles Problem: Sie baut lieber neu, als das Bestehende zu reparieren. Sie verteilt lieber Geld als Vertrauen aufzubauen. Dabei ist doch eigentlich kein Geld da. Sie veröffentlicht lieber Flyer als Missstände zu benennen. Sie klagt lieber als zu handeln.
Dabei wäre die Lösung längst greifbar:
Leerstände erfassen und kategorisieren. Angeblich wurde das vor Jahren schon getan. Doch mit einem Ergebnis, dass niemand kennt. Verschossene Steuergelder.
Eigentümer persönlich begleiten statt pauschal bezahlen
Unterbelegung aktiv angehen
Psychologische Barrieren ernst nehmen
Eine echte kommunale Wohnungsbaugesellschaft reaktivieren
Und vor allem: Ehrlich kommunizieren
Fazit: Das Klagelied ist laut – aber es löst nichtsRavensburg braucht kein höheres Klagelied, sondern eine tiefere Einsicht. Kein viergestrichenes C, sondern einen soliden und bodenständiges Akkord in E-Dur. Keinen Blues, sondern etwas Rockiges! Kein weiteres Neubauprojekt, das sich nur wenige einkaufen oder einmieten können, sondern eine Strategie, die die Realität anerkennt: Leerstand ist kein Naturereignis. Er ist menschengemacht – und damit von Menschen lösbar.
Wenn die Stadt endlich aufhört, neue Löcher zu graben, könnte sie beginnen, die alten zu stopfen. Und vielleicht – eines Tages – verstummt dann auch das große Klagelied.