Ravensburger Demokratietagebuch (2): "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist - aber hört endlich auf, Gott zu bestehlen" !!
Der verkaufsoffene Sonntag und die große Mittwochsfrage
Takeaway: Die folgende Kolumne möchte den verkaufsoffenen Sonntag als Ritual einer Stadt entlarven, die sich selbst vormacht, es ginge um „Freiheit“ und „Service“, während die eigentliche Freiheit – die der Beschäftigten – systematisch überhört wird. Der Vorschlag eines „verkauf‑geschlossenen Mittwochs“ wirkt wie ein Stresstest für eine Wirtschaft, die nur noch in Öffnungszeiten denkt, nicht mehr in Lebenszeiten.

Es ist wieder so weit: Ravensburg feiert seinen Verkaufsoffenen Sonntag. Ein Festtag des Konsums, ein Hochamt der Einkaufsmeile, ein liturgischer Tanz ums goldene Warenregal. Lasst und den Turm bauen, immer höher, immer höher! Die Stadtverwaltung lächelt, das WiFo nickt, die Händler jubeln – und die Beschäftigten? Die stehen an der Kasse und sollen bitte nicht so laut sein, wenn sie müde werden.
Dabei kam mir heute Morgen ein ketzerischer Gedanke: Warum eigentlich nicht einmal einen „verkauf‑geschlossenen Mittwoch“?
Nicht aus Trotz, sondern aus Tradition. Früher hatten Küchen‑ und Hausbedienstete am Mittwochnachmittag frei. Ein sozialer Atemzug in einer Zeit, in der Arbeitstage noch nicht wie Gummibänder in alle Richtungen gezogen wurden. Ein kleiner Rest von Würde im Getriebe der Dienstbarkeit.
Heute dagegen gilt: Öffnen, öffnen, öffnen – bis keiner mehr weiß, wofür. Die Arbeitgeber würden bei einem verkaufs-geschlossenen -Mittwoch schreien, das WiFo würde hyperventilieren, und aus dem Rathaus käme vermutlich ein Statement über „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Standortattraktivität“. Man kennt die Playlist. Für diese Protagonisten des Kapitals wäre das der "Totenmittwoch".
Die große Ausrede: „Die Leute können unter der Woche nicht einkaufen“Ach ja, die berühmten „Leute“. Diese mystische Gruppe, die angeblich Montag bis Samstag ununterbrochen arbeitet, aber am Sonntag plötzlich Zeit findet, sich durch die Innenstadt zu schieben.
Dazu fällt mir ein alter Witz ein:
Sitzen zwei im Büro – einer arbeitet. Was ist das? Antwort: Ein Beamter und ein Ventilator.
So viel zur Ausrede.
Und was ist mit denen, die wirklich sonntags arbeiten?Busfahrer. Pflegekräfte. Ärztinnen und Ärzte. Rettungsdienste. Menschen, die nicht „verkaufsoffen“ sind, sondern schlicht Dienst schieben, weil es muss.
Sie arbeiten, weil die Gesellschaft sie braucht – nicht, weil irgendein Innenstadtmarketing meint, der Sonntag sei ein verkaufspsychologisch besonders ergiebiger Tag.
Und die Kirchen?Sonntagsruhe? Die zehn Gebote? „Du sollst den Feiertag heiligen“?
Man* hört erstaunlich wenig. Vielleicht weil man sich nicht zwischen Kollekte und Konsum entscheiden möchte. Vielleicht weil man* längst begriffen hat, dass das „christliche Abendland“ nur noch dann beschworen wird, wenn es politisch nützlich ist – nicht, wenn es unbequem wird.
Immer mehr, immer höher, immer intensiverDie Stadt predigt Wachstum, die Händler predigen Umsatz, die Politik predigt Flexibilität. Doch niemand predigt Erholung. Niemand predigt Menschlichkeit. Niemand predigt Grenzen.
Dabei wäre es so einfach:
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist – aber hört endlich auf, Gott zu bestehlen.
Denn wenn der Sonntag zum Werktag wird, verliert nicht nur der Mensch seine Ruhe. Es verliert die Gesellschaft ihr Maß.
Der „verkauf‑geschlossene Mittwoch“ als TestfallStell dir vor, Ravensburg würde es wagen:
Ein Nachmittag oder gar ein ganzer Tag ohne Konsumdruck
Ein Atemzug für Beschäftigte
Ein symbolischer Bruch mit der Logik des Immer‑Mehr
Ein Zeichen, dass Lebensqualität nicht an Öffnungszeiten hängt
Natürlich würde das Geschrei groß sein. Größer, als es ohnehin schon ist. So laut, dass das leise Rufen der allein erziehenden Mutter an der Kasse kaum zu hören ist.