👎Ravensburg👎 "Metropole"? - Von wegen!! -> Wenn aus dem verlängerten Arm Ravensburgs ein amputierter Finger werden soll ...

Ohne die Oberschwabenhalle als den Ort, fĂĽr den sie einst konzipiert war, hat Ravensburg die Berechtigung verloren, sich "Oberschwabenmetropole" zu nennen!
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Die Oberschwabenhalle in Ravensburg war konzipiert als das kulturelle Herz einer ganzen Region – ein Resonanzraum, der weit über Ravensburg, ihren Kreis und Horizont hinausstrahlte. Heute droht sie zum Spielball eines politischen Aktionismus zu werden, der mehr über die Verunsicherung im Rathaus erzählt als über tatsächliche Notwendigkeiten. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur eine Halle, sondern ein Stück Identität. Die geplante Umwidmung der Oberschwabenhalle in eine Sporthalle ist ein Eingriff in das kollektive Gedächtnis Oberschwabens – ein schleichender Bedeutungsverlust, der sich als Sachzwang tarnt. Wenn eine Stadt beginnt, ihre eigenen Symbole zu entkernen, verliert sie mehr als einen Raum: Sie verliert sich selbst.
Es gibt Sätze, die klingen wie ein Vermächtnis. 1959 schrieb die "Schwäbische Zeitung" über die neue Oberschwabenhalle: „Mit diesem monumentalen Bauwerk verlängert sich gewissermaßen der Arm Ravensburgs, erweitert sich der Echo-Raum der Stadt.“ Man* muss diesen Satz heute drei- oder viermal lesen, um zu begreifen, wie weit wir uns von diesem Selbstverständnis entfernt haben.

Denn während die Halle heuer 67 Jahre alt wird, wirkt die Stadt, die sie einst baute, plötzlich erstaunlich klein. Klein im Denken, klein im Mut, klein im Bewusstsein für die eigene Geschichte. Die geplante Umwidmung zur Großsporthalle ist nicht einfach eine bauliche Maßnahme. Sie ist ein Symptom. Ein Symptom für eine Stadt, die ihre eigenen Symbole nicht mehr erkennt – oder sie nicht mehr ertragen kann. Ausgeschlossen natürlich der "Mehlsack" und die restlichen Türme.
Die Oberschwabenhalle wurde nicht für Ravensburg gebaut, sondern für einen Raum (siehe Zeitungsausschnitt), für eine Region, für ein kulturelles Selbstbewusstsein, das größer war als jede Verwaltungsvorlage. Dass Land oder Bund den Bau damals bezuschusst hat, ist wahrscheinlich so. Denn immerhin war der damalige MP Kiesinger bei der Einweihung anwesend. Dass spätere Erweiterungen ebenfalls gefördert wurden, ebenso. Doch bemerkenswert ist nicht die Frage, wie viel Geld floss, sondern warum es floss: weil die Halle ein überregionales Projekt war. Ein identitätsstiftendes Versprechen.
Heute hingegen wird so getan, als sei die Halle ein überdimensionierter Geräteschuppen, der sich mit ein paar sportpolitischen Argumenten neu etikettieren lässt. Die Verwaltung spricht von Bedarf, von G9, von Schülerzahlen. Alles vermutlich richtig – und doch alles ganz bestimmt am Kern vorbei. Denn wer eine Halle, die für Kultur, Messe, Begegnung und Öffentlichkeit gebaut wurde, in eine Sporthalle verwandelt, der verändert nicht nur die Nutzung. Er verändert die Bedeutung.
Psychoanalytisch betrachtet ist das ein klassischer Fall von Regression: Eine Stadt, die sich einst als Metropole Oberschwabens verstand, zieht sich zurück in die Komfortzone des Funktionalen. Kultur ist kompliziert, unberechenbar, manchmal unbequem. Sporthallen hingegen sind sauber, planbar und messbar. Sie erzeugen keine Debatten, sondern Belegungspläne.
Doch unter dieser Oberfläche arbeitet ein zweiter Mechanismus: Kompensation. Ein Oberbürgermeister, der mit 78 Prozent Zustimmung gewählt wurde und dennoch politisch angeschlagen wirkt, sucht nach einem Projekt, das seine Handlungsfähigkeit demonstriert. Die Umwidmung der Halle könnte als politisches Ersatzobjekt verstanden werden – ein Versuch, Stärke zu zeigen, wo eigentlich Verunsicherung herrscht. Aktionismus als Selbsttherapie?
Dabei wird übersehen, dass die Halle nicht nur ein Gebäude ist, sondern ein kollektiver Speicher. Sie hat Konzerte getragen, Messen, Feste, Begegnungen, politische Debatten. Sie war ein Resonanzraum – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wer diesen Raum inhaltlich verkleinert, verkleinert die Stadt. Und wer ihn funktionalisiert, funktionalisiert auch das Selbstbild der Region.
Juristisch mag die Umwidmung möglich sein. Zweckbindungen verjähren, Förderbescheide verlieren ihre Kraft. Doch die Frage ist nicht, ob man* es darf, sondern ob man* es sollte. Ob eine Stadtverwaltung und ihr OB, die sich gern als kulturell lebendig inszeniert zeigen, in Wirklichkeit jedoch ihr größtes kulturelles Gefäß opfern will, um ein strukturelles Problem im Schulsport zu lösen, noch glaubhaft sind? Identität kann aber nicht wie eine Haushaltsposition verschoben werden.
Die Bürgerversammlung am 28. April wird vermutlich Zahlen, Bedarfe, Diagramme präsentieren. Doch die entscheidende Frage wird nicht gestellt: Was bedeutet die Oberschwabenhalle für uns Bürger und Bürgerinnen – und was verlieren wir, wenn wir sie aufgeben?
Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Stadtverwaltung die Stadtchronik noch einmal aufschlägt. Nicht um nostalgisch zu werden, sondern um zu verstehen, dass Räume nicht nur Kostenstellen sind, sondern Träger von Bedeutung. Und dass man* Bedeutung nicht umwidmen kann, ohne dass etwas reißt.
Die Oberschwabenhalle war einmal der verlängerte Arm Ravensburgs. Heute droht sie zum amputierten Finger einer verunsicherten Kommunalpolitik zu werden.