Warum Ravensburg jetzt unabhängige Gutachten zur Zukunft der Oberschwabenhalle braucht

Es gibt Entscheidungen, die eine Stadt nur einmal treffen kann, weshalb sie sehr gut durchdacht und gutachterlich untermauert sein muss. Die geplante Umwandlung der Oberschwabenhalle (OSH) in Ravensburg in eine Sporthalle gehört genau in diese Kategorie. Sie ist kein Verwaltungsakt, kein Routineprojekt, kein „Upgrade“. Sie ist ein Eingriff in die kulturelle Infrastruktur einer ganzen Region. Und deshalb braucht sie eines: unabhängige, fachlich belastbare Gutachten, bevor Fakten geschaffen werden.
Nicht irgendwann. Jetzt.
1. Die OSH ist kein Gebäude – sie ist ein regionales Kulturökosystem
Die Oberschwabenhalle ist seit Jahrzehnten ein Ort, an dem sich die Vielfalt einer Gesellschaft zeigt: Konzerte, Messen, Sport, Flohmärkte, religiöse Veranstaltungen, Firmenfeiern, politische Versammlungen, gesellschaftliche Events, Eisenbahnfreunde, Haus- und Bau, Tanzturniere und internationale Events.
Eine Halle, die 4.000 bis 5.000 Menschen fasst, ist in Oberschwaben kein Luxus. Sie ist ein seltenes Gut.
Wer sie umbaut, verkleinert oder funktional verengt, verändert die kulturelle DNA einer ganzen Region.
2. Wie groß ist die bürgerliche Nachfrage nach Kultur?
Diese Frage ist nicht trivial – und sie darf keinesfalls aus dem Bauch heraus beantwortet werden.
Ravensburg, Weingarten, ihr Umland, die Region Oberschwaben und die angrenzende Bodenseeregion haben:
rund 640.000 Einwohner/innen (bei 3.500 km²)
eine hohe Vereinsdichte
eine lebendige Musik- und Kulturszene
zahlreiche Messen und Hobby-Communities
eine wachsende Zahl internationaler Studierender
eine Bevölkerung, die Veranstaltungen nutzt, wenn sie stattfinden
Die OSH ist dabei ein Scharnier zwischen lokaler Kultur und überregionalen Formaten.
Ein unabhängiges Gutachten müsste klären:
Wie viele Veranstaltungen wurden in den letzten 30 Jahren durchgeführt?
Wie viele Besucher kamen aus dem Landkreis, wie viele aus der Region Bodensee-Oberschwaben, wie viele darüber hinaus?
Welche Formate wären ohne die OSH nicht möglich gewesen?
Welche Nachfrage besteht für die nächsten 30 Jahre?
Welche Trends (Sport, Kultur, Messen, Religion, Freizeit, Soziale Medien, KI) sind relevant?
Ohne diese Daten ist jede Entscheidung blind.
3. Wo wären die nächsten Hallen für 4.000–5.000 Besucher?
Wer die OSH funktional beschneidet, muss eine ehrliche Antwort geben:
Wo sollen große Veranstaltungen künftig stattfinden?
Die nächsten Hallen dieser Größenordnung liegen:
in Ulm
in Friedrichshafen
in Biberach (nur eingeschränkt)
in Memmingen
in Stuttgart
Für viele Formate sind diese Orte zu weit, zu teuer oder schlicht nicht verfügbar.
Oberschwaben hätte damit keinen eigenen Großveranstaltungsort mehr.
Das wäre ein kultureller Rückzug – und ein wirtschaftlicher.
4. Was ist mit der Fußball-WM 2030 und den folgenden?
Großereignisse wie Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Olympische Spiele erzeugen:
Public-Viewing-Anfragen
Fan-Events
Vereinsveranstaltungen
Sportkongresse (nicht Sportveranstaltungen)
begleitende Kulturprogramme
Eine Halle wie die OSH ist dafür ideal.
Wenn Ravensburg diese Chance aufgibt, gibt sie auch ein Stück Zukunftsfähigkeit auf.
5. Flohmärkte, religiöse Veranstaltungen, Eisenbahnfreunde, Haus- und Bau – die unterschätzten Säulen der Zivilgesellschaft
Es sind nicht die glamourösen Events, die eine Halle tragen. Es sind die regelmäßigen, bodenständigen, bürgernahen Formate.
Flohmärkte bringen Tausende. Religiöse Veranstaltungen füllen die Halle. Eisenbahnfreunde und Modellbauer brauchen Fläche. Haus- und Bau zieht Menschen aus der ganzen Region an.
Diese Gruppen haben keine Lobby. Aber sie haben eine Halle. Noch.
6. Warum unabhängige Gutachten ein Muss sind
Ein Projekt dieser Tragweite darf nicht auf Basis von:
politischen Mehrheiten
Einzelinteressen
kurzfristigen Finanzargumenten
oder städtischen Eigenbewertungen
entschieden werden.
Es braucht zwei unabhängige Gutachten, mindestens eines davon muss extern vergeben werden:
Kulturlandschaft Oberschwaben
Nachfrage
Trends
regionale Bedeutung
sozioökonomische Effekte
Veranstaltungs- und Infrastrukturbedarf 2030–2050
Kapazitäten
Alternativen
Wirtschaftlichkeit
gesellschaftliche Relevanz
Nur so entsteht Transparenz. Nur so entsteht Vertrauen. Nur so entsteht eine Entscheidung, die Ravensburg nicht bereut.
7. Die Stadt schuldet ihren Bürgerinnen und Bürgern diese Sorgfalt
Fast 400 Menschen haben die Contra-Petition bereits unterzeichnet – Tendenz steigend. Sie fordern nichts Radikales. Sie fordern nichts Ideologisches. Sie fordern Sorgfalt.
Eine Stadt, die sich „Zukunftsregion“ nennt, muss Entscheidungen auf Fakten gründen.
Die OSH ist ein Kulturgut. Ein soziales Zentrum. Ein wirtschaftlicher Faktor. Ein Symbol für Offenheit und Vielfalt.
Wer sie umbaut, ohne die Folgen zu kennen, handelt fahrlässig.
Fazit: Ravensburg braucht diese Gutachten – nicht als Option, sondern als Pflicht
Die Frage ist nicht: „Kann man* die OSH umbauen?“
Die Frage ist: „Darf man sie umbauen, ohne vorher zu wissen, was man* verliert?“
Die Antwort lautet: Nein.
Die Ravensburger Stadtspitze muss jetzt handeln. Mit Transparenz. Mit Verantwortung. Mit unabhängigen Gutachten.
Alles andere wäre ein kulturelles Risiko, das diese Region nicht tragen sollte.