Immer wieder "Ravensburger Kornhaus" (Korni) 👉 Die politische Kultur, die sich um dieses Gebäude herum herausbildet ...

Die Stadt Ravensburg hat ein Problem mit dem Kornhaus. Das wird zwar offiziell nach der Senkung von 22 Millionen auf 20 Millionen Euro und dem guten Miteinander mit dem Gemeinderat als erledigt angesehen. Doch beim genauen Hinschauen ist dem nicht so. Vergessen dürfen wir dabei nicht, dass es ursprünglich "nur" 12,6 Millionen Euro für dieses nachträglich als vergiftet geltende Mammut waren, um es fachgerecht zu "erlegen".
Doch - wie soeben angedeutet - besteht das Problem "Kornhaus" weiter. Sozusagen auf der Meta-Ebene, einer höheren. Es ist die politische Kultur, die sich um dieses Gebäude herum herausbildet: ein Gemisch aus Schönreden, Auslagern von Verantwortung und dem reflexhaften Griff nach PR-Politur, sobald es ungemütlich wird.
Fangen wir bei der neuen Lieblingsfigur der Stadt an: der „Projektkoordination Entwicklung Kornhaus“. Diese Stelle ist in der jüngsten Ausgabe des Ravensburger Amtsblattes (Seite 6) groß ausgeschrieben. Eine eigene Stelle nur für das Kornhaus, befristet auf 3 Jahre und 7 Monate, zu 70 Prozent, Entgeltgruppe 9c TVöD VKA. Laut aktueller Tabelle liegt das Vollzeit-Bruttogehalt in E 9c 2026 je nach Stufe zwischen rund 4.011 und 5.528 Euro im Monat. Rechnet man konservativ mit einer mittleren Stufe (ca. 4.600 Euro), kommt man bei 70 Prozent auf etwa 3.200 Euro brutto im Monat. Das sind rund 38.000 Euro brutto im Jahr. Auf 3 Jahre und 7 Monate (also etwa 3,6 Jahre) hochgerechnet: grob 138.000 Euro Bruttolohn.
Dazu kommen die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung und ggf. Zusatzversorgung – je nach Konstellation grob 20 bis 25 Prozent obendrauf. Damit landet man realistisch irgendwo im Bereich von etwa 165.000 bis 180.000 Euro Gesamtkosten für die Stadt über die gesamte Laufzeit. Mit Tarifsteigerungen und Stufenaufstieg kann das in Richtung 190.000 bis maximal etwa 200.000 Euro gehen. Es ist ein sechsstelliger Betrag, nur damit ein einzelnes Projekt eine eigene Koordinationsstelle bekommt.
Und jetzt wird es spannend: Diese Stelle soll – laut Ausschreibung – das Projekt operativ steuern, Schnittstelle sein, Beteiligungsprozesse begleiten, PR- und Kommunikationskonzepte mit einer externen Agentur entwickeln.
Quelle: Amtsblatt Stadt Ravensburg, 18. April 2026, Seite 6
Die Kontrolle der Kostenentwicklung, also genau der Punkt, an dem das Kornhaus bereits zuvor kostenmäßig spektakulär gescheitert ist und davor alle großen Bau- und Sanierungsprojekte in Ravensburg ebenso kostenmäßig gescheitert sind, taucht in der Stellenbeschreibung nicht als klar benannter Schwerpunkt auf. Das scheint kein Zufall zu sein, sondern eher ein Symptom. Man baut eine Projektkoordination – aber man baut keine klare Kostenverantwortung und -Kontrolle ein.
Stattdessen: „PR- und Kommunikationskonzept gemeinsam mit einer Agentur“. Eine Agentur, die natürlich nicht ehrenamtlich arbeitet. Was das kostet, sagt die Stadt nicht offen. Aber wer schon einmal mit Kommunikations- oder Stadtmarketingagenturen gearbeitet hat, weiß: Ein mehrjähriges, strategisches Kommunikations- und Beteiligungspaket für ein Großprojekt mit Bundesförderung landet nicht im Taschengeldbereich. Da reden wir schnell über einen weiteren sechsstelligen Betrag über die Projektlaufzeit – je nach Umfang, Kampagnen, Veranstaltungen, Visualisierungen, Social Media, Bürgerdialog etc. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass allein die „Flankierung“ – Projektkoordination plus Agentur – am Ende in einer Größenordnung von vielleicht 250.000 bis 400.000 Euro landet. Genaue Zahlen legt die Stadt nicht auf den Tisch, aber die Logik des Marktes spricht eine deutliche Sprache.
Und wofür das alles? Offiziell: um ein „Kulturdenkmal zu erhalten“, die „Bibliothek 2030“ zu entwickeln, einen „Dritten Ort“ zu schaffen, die „Frequenz in der Innenstadt“ zu erhöhen. Alles schöne Worte, die in jeder Förderbroschüre des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ stehen könnten – und auch stehen. Inoffiziell wirkt es, als ob man* ein Projekt, das in der Öffentlichkeit massiv in der Kritik steht, kommunikativ weichzeichnen will. Man* spürt: Das Kornhaus ist politisch verwundbar. Also wird nicht etwa die interne Steuerung radikal geschärft, sondern die Außendarstellung professionalisiert.
Genau hier beginnt der Punkt, an dem ein Blogger „mit harten Bandagen“ kämpfen muss: Warum braucht das Kornhaus eine eigene Projektkoordination, wenn es in der Stadtverwaltung bereits ein Gebäudemanagement gibt? Wozu gibt es eine Hochbauabteilung, Projektsteuerer, Fachämter? Wenn jedes größere Bauprojekt jetzt eine eigene, projektbezogene Stelle plus externe Agentur bekommt, dann ist das kein Projektmanagement mehr – das ist eine Parallelstruktur.
Die Frage drängt sich auf: Gilt dieses neue Modell jetzt als Blaupause? Kommt eine eigene Projektkoordination auch für:
den Umbau der Oberschwabenhalle zur Großsporthalle bzw. Sanierung der Kulturbegegnunsstätte?
den Neubau der Kuppelnauschule?
die "urbane Stadt" auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik?
Oder ist das Kornhaus ein Sonderfall, weil es politisch so aufgeladen ist, dass man* sich ohne kommunikative Schutzschilde nicht mehr auf die Straße traut? Wenn die Antwort lautet: „Nein, das ist nur hier beim Kornhaus nötig“, dann ist das Eingeständnis eigentlich schon da – dieses Projekt ist so umstritten, dass man* es ohne PR-Feuerwehr nicht mehr verantwortbar findet.
Die Stadt argumentiert, das Kornhaus sei ein „Baustein einer umfassenden Sanierungsstrategie in der Altstadt“ und die Bücherei ein „Frequenzbringer“ und „Ort der Gesellschaft“. Das mag inhaltlich stimmen. Aber genau deshalb wäre Transparenz bei Kosten, Risiken und Verantwortlichkeiten umso wichtiger. Stattdessen erleben wir:
eine Kostenexplosion von 12,6 auf mindestens erst 22 und dann 20 Millionen Euro,
eine nachträgliche Suche nach „Kosteneinsparungen“ durch Standardabsenkung (keine Fußbodenheizung in den oberen Geschossen, verschobene Fensterladensanierung etc.),
und nun ein extra eingestellter Kornhaus-Sitter und die kommunikative AufrĂĽstung mit Projektkoordination und Agentur.
Das Muster ist bekannt: Wenn die Zahlen nicht mehr überzeugen, sollen es die Geschichten richten. Wenn die Kalkulation wackelt, wird die Erzählung stabilisiert. Man* verkauft das als „Beteiligung“, „Dialog“, „Dritter Ort“ – aber im Kern geht es darum, ein Projekt, das längst in der Schieflage ist, politisch über die Ziellinie zu tragen.
Die eigentliche Zumutung für die Bürgerinnen und Bürger ist nicht, dass man* für ein Kulturdenkmal Geld in die Hand nimmt. Die Zumutung ist, dass man* die Verantwortung für die Kostenentwicklung nicht klar adressiert, sondern in einem Nebel aus Zuständigkeiten, Agenturleistungen und Projektkoordination auflöst. Wer ist am Ende politisch verantwortlich, wenn aus 20 - 20,5 - 22 Millionen oder 25 oder 28 Millionen Euro werden? Wer steht hin und sagt: „Das war meine Entscheidung, das war mein Risiko“?
Stattdessen wird eine Stelle geschaffen, die alles ein bisschen macht – Schnittstelle, Moderation, Kommunikation, Koordination – aber nirgends mit einem klaren Mandat zur Kostenkontrolle ausgestattet ist. Das ist, als würde man* bei einem brennenden Haus eine zusätzliche Person einstellen, die die Pressemitteilungen koordiniert, aber niemanden, der den Wasserhahn aufdreht.
Und das Gebäudemanagement? Das sitzt weiter in der Verwaltung und darf vermutlich die technischen Details abarbeiten, während die neue Projektkoordination die Bühne bekommt. Wenn das Kornhaus fertig ist, wird man* sagen: „Seht her, was wir alles geleistet haben – trotz schwieriger Rahmenbedingungen.“ Die Frage, ob man mit einer konsequenten, intern verankerten Projektsteuerung und klaren Kostenverantwortlichkeiten nicht Millionen hätte sparen können, wird dann als „rückwärtsgewandt“ abgetan.
Die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt haben ein Recht auf etwas anderes: auf eine Verwaltung, die zuerst ihre Hausaufgaben macht und erst dann ihre Hochglanzbroschüren. Auf ein Projektmanagement, das Kostenexplosionen nicht als Naturereignis behandelt, sondern als Ergebnis von Entscheidungen. Auf eine Politik, die sich traut, auch einmal zu sagen: „Wir haben uns übernommen – und wir korrigieren jetzt.“
Solange aber für das Kornhaus eine Extra-Stelle geschaffen wird, während für andere Großprojekte wie Oberschwabenhalle, Kuppelnauschule oder "Urban-City" noch nicht einmal klar ist, ob sie dieselbe Aufmerksamkeit bekommen, bleibt der Eindruck: Hier wird nicht ein System verbessert, hier wird ein Problem kaschiert.
Man/frau muss nicht mit Steinen werfen, um das klar zu benennen. Es reicht, die Zahlen zu addieren, die Stellenbeschreibungen zu lesen und die Leerstellen zu markieren. Und eine dieser Leerstellen heißt: Kostenkontrolle. Wenn die Stadt Ravensburg das Kornhaus wirklich als „Ort der Gesellschaft“ versteht, dann sollte sie damit anfangen, die Gesellschaft nicht nur als Zielgruppe ihrer PR zu sehen, sondern als Partner auf Augenhöhe – mit vollständigen Informationen, ehrlichen Risiken und klarer Verantwortung. Alles andere ist nicht „Bibliothek 2030“, sondern Politik von vorgestern in neuem Anstrich.