Kostenlose ABZOCKE - Ein Lehrstück darüber, wie man/frau aus einem Geschenk einen Skandal macht und das eigentliche Problem elegant übersieht...
Heute las ich in der hiesigen Presse das Folgende: Eine Autofahrerin aus Friedrichshafen fährt nach Ravensburg, parkt in der Marienplatztiefgarage (MTG), kauft vermutlich irgendetwas, das sie hätte auch vor ihrer Haustür hätte erwerben können – und schreibt danach einen heftigen Brief an die Ravensburger Stadtverwaltung. Der Puls des Lesers beträgt 120, der Blutdruck 180/130. Denn in der Headline des Artikels steht das Wort „ABZOCKE“.
Doch in dem Zeitungsbeitrag entwickelt sich etwas, was journalistisch formuliert als versuchte "Skandalisierung" bezeichnet wird. Denn ein mathematisch korrektes und logisch aufgebautes Parktarifsystem wird zum „Abzockskandal“, zur „kostenpflichtigen Falle“, zur „eiskalt berechneten Millionenfalle“. Die Schwäbische Zeitung druckt es brav ab, als wäre es der Versuch eines weiteren Watergate-Skandals der Parkraumbewirtschaftung.
Dabei ist es die oben erwähnte Dame, die anscheinend von Algebra nichts versteht und allen Ernstes meint, unsere seriöse Stadtverwaltung würde den Mitmenschen fälschlicherweise Geld vom Konto abbuchen. Sie rechnet vor, es wären mittlerweile über eine Million Euro
Astronomisch! Man sieht förmlich die "Heimatschutzbehörde" im Hintergrund, wie sie hektisch die Parktickets der MTG auswertet.
Doch der "häflerische" Denkfehler, ist größer als die Tiefgarage selbst.Der Witz an der Sache: Die 1,1 Millionen Euro wurden niemandem regelwidrig entwendet. Sozusagen unter Vorspielen falscher Tatsachen. Im Gegenteil: Die Stadt Ravensburg hat diese Summe seit der Einführung des kostenlosen Parkens in der ersten Parkstunde in der MTG verschenkt. Verschenkt! Seit Einführung dieses Konzepts fließt diese eine (1) Million plus X nicht in die Stadtkasse, sondern direkt in die Hosentaschen der Autofahrer – also jener Menschen, die ohnehin schon glauben, kostenloses Parken sei ein Menschenrecht, irgendwo zwischen Artikel 2 und 3 des Grundgesetzes.
Die Logik der "Beschwerdeführerin" ist so schief wie der Turm von Pisa (Pisa: da war doch was) und der "Mehlsack" vermutlich in 100 Jahren sein wird. Sie glaubt ernsthaft, die Stadt müsse die erste Stunde auch dann kostenlos machen, wenn man etwas länger bleibt. Also quasi nach dem Motto: „Wenn ich das Gratisbrötchen beim Bäcker nehme, muss auch der erste Biss vom zweiten kostenlos sein, sonst ist es Abzocke.“
Der eigentliche Skandal – also nicht die zum Skandal hochstilisierte "harmlose" Geschichte – ist ein ganz anderer.Während die "Schwäbische Zeitung" reißerisch versucht, aus einem mathematischen Missverständnis eine kommunalpolitische Tragödie zu stricken, liegt der echte Skandal ganz woanders:
a) Die Stadt lockt mit der Gratisparkstunde in der zentral gelegenen MTG noch mehr Autos in die Innenstadt.Mehr CO₂, mehr Lärm, mehr Feinstaub, mehr Blechlawinen, die sich durch die Burgstraße und Seestraße quälen wie ein schlecht gelaunter Lindwurm. Die „Belebung der Innenstadt“ ist in Wahrheit eine „Verkehrsbelebung“. Die Händler freuen sich – bis sie merken, dass die Leute zwar parken, aber auch nicht mehr kaufen. Jedenfalls vermutlich nicht in der Höhe der errechneten 1,1 Millionen Euro; geschweige denn hat die Stadt dadurch die entsprechenden Mehreinnahmen an Steuern. Oder doch. Dann wäre ein Beweis nicht schlecht.
b) Die Stadt verzichtet freiwillig auf Einnahmen, die sie dringend bräuchte.Für Schulen. Für Radwege. Für Klimaanpassung. Für ein Jugendinformationszentrum. Für alles, was nicht nach Abgasausstoß riecht.
Die Gratisstunde ist kein Geschenk an die Bürger – sie ist ein Geschenk an den motorisierten Individualverkehr. Ein millionenschweres Subventionsprogramm für den Verbrenner und - wo es kein Verbrenner ist - Reifenabrieb, getarnt als Innenstadtförderung.
Die PointeWährend die "Häflerin" also empört „Abzocke!“ ruft, rechnet ihr Mathelehrer Daniel Rapp vor, dass doch alles ok sei und winkt freundlich:
„Liebe Autofahrer, hier habt ihr 1,1 Millionen Euro. Bitte, gern geschehen. Kommt bald wieder. Und bringt eure Feinstaubpartikel mit.“
Und die SZ? Sie druckt es ab, als wäre es ein investigativer Scoop. Dabei ist es nur eines: ein Lehrstück darüber, wie man/frau aus einem Geschenk einen Skandal macht – und aus einem Skandal das eigentliche Problem elegant übersieht.
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