👎STADTLAUF RAVENSBURG: Für FAHRLÄSSIGKEIT und UNVERANTWORTLICHKEIT gibt es keine Schutzheiligen ...
Stefan Weinert, Ravensburg
Es gibt Entscheidungen, die nicht nur falsch sind, sondern zudem das Vertrauen in eine Stadtverwaltung nachhaltig beschädigen. Die Entscheidung der Ravensburger Verwaltung, am heutigen Samstag, dem 27. Juni 2026, trotz amtlicher Extremhitzewarnungen am Stadtlauf festzuhalten, gehört zweifellos dazu. Während der Deutsche Wetterdienst Temperaturen jenseits der 35 Grad (bis zu 40 Grad) ankündigt, während medizinische Fachleute seit Jahren vor den Risiken solcher Hitzespitzen warnen und während andere Kommunen längst gelernt haben, dass Prävention kein Luxus, sondern Pflicht ist, erklärt Ravensburg, man habe „abgewogen“ und „analysiert“ – und für alle Läuferinnen und Läufer gelte die Eigenverantwortung, am Stadtlauf teilzunehmen. Nur die Kleinsten und die Schulläufe wurden abgesagt. Der Rest darf laufen. Oder kollabieren. Oder im schlimmsten Fall reanimiert werden. Und wer dann zusammenbricht, so die unausgesprochene Botschaft, trägt die Verantwortung selbst. So berichtet es sinngemäß und impliziert die "Schwäbische Zeitung".
Und auch wenn sich dergleichen Dinge nicht ereignen sollten – was stark zu hoffen und niemandem zu wünschen ist –, bleibt diese Verantwortungslosigkeit an der Stadt Ravensburg kleben. Natürlich könnte sie auch jeden Mitläufer vor dem Lauf einzeln über das Risiko möglicher und konkreter (s.o.) Folgen aufklären und ihn/sie eine entsprechende Erklärung unterschreiben lassen ... Doch wer würde dann noch mitlaufen wollen?
Wie gesagt: Die oben beschriebene Haltung von Stadt und Sportkreis ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern juristisch kaum haltbar. Eine Kommune hat eine Fürsorgepflicht gegenüber ihrer (!) Bevölkerung. Sie muss Gefahren abwenden, wenn sie vorhersehbar sind – und eine amtliche Hitzewarnung ist keine abstrakte Möglichkeit, sondern eine konkrete, wissenschaftlich begründete Gefahrenlage. Wer eine Veranstaltung unter solchen Bedingungen durchführt, kann sich nicht auf das Prinzip der Eigenverantwortung der Teilnehmer/innen zurückziehen.
Eigenverantwortung beginnt dort, wo Menschen frei entscheiden können. Sie endet dort, wo eine Stadt wissentlich ein Risiko schafft, das sie selbst hätte verhindern können und hätte verhindern müssen. Wer heute am "Siebenschläfer" läuft, tut das nicht in einem neutralen Raum, sondern in einem von der Stadt und dem Sportkreis organisierten Setting, das ohne Not aufrechterhalten wird. Und wer heute kollabiert, tut das nicht, weil er oder sie etwas „falsch eingeschätzt“ hat, sondern weil die Stadt und der Sportkreis eine Entscheidung getroffen haben, die sie nicht hätten treffen dürfen.
Es ist ein Muster, das sich in Ravensburg beobachten lässt: erst handeln, wenn es zu spät ist; erst reagieren, wenn die Probleme sichtbar werden; erst nachbessern, wenn der Schaden bereits entstanden ist. Beim „Schwammplatz“ am Holzmarkt erklärte der Oberbürgermeister jüngst aufgrund geäußerter Kritik, erst im Betrieb zeige sich eben manches. Eine bemerkenswerte Aussage, wenn man/frau bedenkt, dass Planung eigentlich dazu da ist, Probleme im Vorfeld zu erkennen. Doch in Ravensburg scheint Planung zunehmend durch ein Prinzip ersetzt worden zu sein, das man höflich als „Lernen durch Schaden“ bezeichnen könnte. Weniger höflich: als strukturelle Verantwortungslosigkeit.
Dasselbe Muster zeigt sich heute. Die Stadt hätte den Lauf absagen können. Sie hätte ihn verschieben können. Sie hätte ein Zeichen setzen können, dass Gesundheit Vorrang hat. Stattdessen setzt sie ein Zeichen, dass Durchhalten wichtiger ist als Vorsorge, dass Image wichtiger ist als Sicherheit und dass man Risiken lieber rhetorisch relativiert, als sie praktisch zu minimieren. Es ist eine Haltung, die nicht nur fahrlässig wirkt, sondern auch bürgerfern und schon fast bürgerfeindlich. Denn wer heute läuft, läuft nicht nur gegen die Hitze, sondern gegen eine Verwaltung, die ihre Verantwortung auf die Bevölkerung abwälzt.
Ravensburg präsentiert sich gerne als lebenswerte, klimabewusste, moderne Stadt. Doch eine moderne Stadt erkennt die Realität des Klimawandels an. Sie weiß, dass Extremwetterlagen keine Ausnahme mehr sind, sondern Teil einer neuen Normalität. Sie weiß, dass Hitze tötet – und dass Prävention Leben rettet. Eine moderne Stadt sagt einen Lauf ab, wenn die Temperaturen lebensgefährlich werden. Eine moderne Stadt schützt ihre Bürgerinnen und Bürger, statt ihnen die Verantwortung für vorhersehbare Risiken zuzuschieben.
Deshalb braucht es heute einen klaren Appell: Dieser Stadtlauf hätte abgesagt werden müssen und niemand hindert die Rapp-Administration daran, dies noch im Laufe des Tages zu tun. Nicht teilweise, nicht halbherzig, nicht mit juristisch wackeligen Hinweisen auf Eigenverantwortung, sondern vollständig. Alles andere ist ein Spiel mit der Gesundheit der Menschen, die dieser Stadt vertrauen. Und Vertrauen ist ein Gut, das schneller verloren geht, als es wiederhergestellt werden kann.
Kirche und Gesellschaft haben für vieles Schutzheilige hervorgebracht. Für Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit gibt es keinen. Und eine Stadtverwaltung, die Risiken kennt, aber dennoch ignoriert, sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Verantwortung am Ende bei den Bürgerinnen und Bürgern landet. Verantwortung bleibt dort, wo sie hingehört: bei denen, die Entscheidungen treffen.
