"Mein Ravensburg, wir sind stolz auf dich, denn du bist lebenswert und jeder kennt jeden - und die Stadtverwaltung sorgt für das deinige und meinige Wohl!" (Inklusive Stadtlauf-Kommentar)
Was hatten wir uns gefreut und auch darauf bestanden, dass die Stadt Ravensburg endlich ihr eigenes Amtsblatt herausgibt und nicht weiterhin die hiesige Lokalzeitung dafür instrumentalisiert. Seit nun 1 1/2 Jahren erscheint es, aber groß geändert hat sich dadurch nichts. Während des diesjährigen Wahlkampfes - er begann bereits im November des Vorjahres - schlug sich die "Schwäbische Zeitung" durch ihre einseitige Berichterstattung auf die Seite des Amtsinhabers und trug dazu bei, dass dessen drei Gegenkandidaten lächerlich und unwählbar wurden. Kurz vor der Wahl selbst nutzte der Amtsinhaber - er trat ja wieder an - das Amtsblatt mehrfach zur Eigenwerbung.
In der jüngsten Ausgabe des Amtsblattes gibt es gleich sieben (7 !) großflächige Anzeigen der Stadt Ravensburg, die 3 1/2 Seiten ausfüllen, mit denen für Ausbildung und Aufstockung des Personals geworben wird. Am Schluss einiger dieser Annoncen gibt es einen sehr aufschlussreichen Absatz, auf den ich hier besonders eingehen möchte. Er lautet wie folgt (Markierungen von mir):
"Mein Ravensburg“, dies werden Sie bei uns oft hören. Denn wir sind stolz auf unsere Heimat. Mit rund 51.000 Einwohnern ist die Oberschwaben-Metropole mit der Ortschaft Schmalegg (rd. 2.200 Einwohner) und zwei weiteren Ortschaften eine lebenswerte Stadt, in der man sich noch kennt. Wir verstehen uns als Teil dieses Miteinanders und sind für das Gemeinwohl mitverantwortlich. (Quelle: Aktuelles Amtsblatt der Stadt Ravensburg.)
Das kann man/frau so schreiben. Aber abgesehen davon, dass der Schlussabsatz wiederum eine narzistische Portion von Eigenwerbung enthält, beinhaltet er meiner Meinung nach auch einige falsche Tatsachenbehauptungen.
"Mein Ravensburg" höre ich als Bürger dieser Stadt seit nun 37 Jahren nur zu einem einzigen Anlass. Nämlich in der ersten und in der fünften Strophe des "Rutenfestliedes". Der Text dieses Liedes ist allerdings 102 (1. Strophe) bzw. 46 (5. Strophe) alt. Ansonsten Fehlanzeige - auf der Straße und im Alltag. Mag sein, dass diese Parole in erlauchten Kreisen auch unterm Jahr zu hören ist. Aber solche Zirkel machen keine ganze Stadt aus. Im Gegenteil.
Von den 51 bis 52.000 Einwohner/innen der Stadt leben sicher die meisten gerne in Ravensburg. Aber "stolz" darauf sind längst nicht alle. Wen meint denn der/die Texter/in dieser Annoncen mit "wir"? Die unnahbare Stadtverwaltung? Die drei unangreifbaren Bürgermeister? Den abgehobenen Gemeinderat? Die in "Blutwurscht" schon fast erstickende Rutenfestkommission? Oder diejenigen, die hier geboren wurden oder von Kindesbeinen an aufgewachsen sind und alle anderen schon fast diskriminierend als "nicht echte Ravensburger" abtun? Wer von WIR spricht, sollte sehr vorsichtig in der Wortwahl sein.
Ravensburg sei eine "lebenswerte Stadt". Das jedenfalls wird behauptet. Stimmt aber für viele nicht. Für die Wohnungslosen, die vergeblich Wohnungssuchenden. Die von Straßenlärm belästigten Anwohner in der Innenstadt. Die Klimabewussten, die seit Jahren versuchen, eine umweltbewusste Politik aus den Rathäusern zu erreichen --- und doch nur immer gegen grün getünchte Betonmauern laufen. Diejenigen, die mit ihren Anliegen kein Gehör finden – seit Jahren und Jahrzehnten –, sind geblockt durch die Medien und die Ignoranz der Stadt.
"Man kennt sich noch." Welch ein unverhohlen unwahres Credo! Schon in der "eigenen" Straße oder sogar im selben Wohnblock ist man/frau sich fremd. Es gibt Gruppen, die regelrecht ausgegrenzt werden. Und den Namen eines Klimaaktivisten gehört zu haben, heißt noch lange nicht, ihn zu "kennen". Na klar: im Gemeinderat "kennt" man/frau sich; in der Rutenfestkommission "kennt" man/frau sich; in den Logen erst recht. Und an Stammtischen. Wie eben in jeder anderen Stadt mit 50.000 Menschen. Und vielleicht wird dieser Trugschluss erzeugt, "man kenne sich noch", indem seitens der Zeitung und seitens der Stadt einfach ALLE ungefragt geduzt werden. Nein, die Anonymität einer "urbanen Gesellschaft" ist genauso in Ravensburg vorhanden wie in anderen Städten auch.
Und am Ende heißt es doch tatsächlich "Wir sind für das Gemeinwohl mitverantwortlich." Ja, das stimmt. Eine Kommunalverwaltung, an deren Spitze drei Bürgermeister stehen und deren Kontrollorgan der Gemeinderat sein soll, ist für das Wohl "von dir und mir" mit verantwortlich. Aber ist das in der Praxis auch für die Ravensburger Gesamtverwaltung so? Gerade gestern, bezüglich des Stadtlaufes. Auf Facebook schreibt mir eine Userin: "Bin gestern, kurz bevor es losging, aus dem Kino gekommen und bin dadurch am Startpunkt vorbeigelaufen. Und es gab genug Idioten, die meinten, unbedingt mitlaufen zu müssen. Da hab ich dann kein Mitleid mehr. Wäre keiner gekommen, hätte das der Stadt zu denken gegeben, aber so? So wurden die Leute, die entschieden haben, den Stadtlauf starten zu lassen, doch nur in ihrer Entscheidung bestätigt."
Nicht nur in diesem Fall ist meiner Meinung nach die Stadt Ravensburg ihrer "Mitverantwortung für das Gemeinwohl" nicht nachgekommen, denn es gilt auch für den Klimaschutz, die Straßenverkehrsführung, den Wohnungsbau, den unnötigen Brückenbau, die Beschneidung der Grünpflege, die Verweigerung eines ordentlichen Winterdienstes (in der Unteren Burachstraße liegt immer noch der Split vom Januar) ... usw ... etc. pp. ...
Hier zeigt sich ein Muster der vergangenen 16 Jahre. Immer wieder werden verbale "Fiktivrealitäten" geschaffen, die den Fakten jedoch nicht standhalten. Doch das wird in Ravensburg so gut wie nie hinterfragt, sondern als bare Münze genommen.
Wer sich also durch diese Anzeigen nach Ravensburg locken lässt, wird bald merken, dass Ravensburg nicht die "Kleine Stadt, hinter Bergen und Wäldern versteckt" (Hannes Wader) ist, sondern eine in der Profit, Imagepflege und "Macht den Mächtigen" gelten.
