Kapitel 3 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (3)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 3
Der Morgen über Ravensburg war ein fahles, erschöpftes Licht, das kaum die Kraft hatte, die Schatten der Nacht zu vertreiben. Johann und Delacroix stiegen den steilen Weg von der Veitsburg hinab, Schritt für Schritt, als trügen sie die Last der vergangenen Stunden auf ihren Schultern. Der Boden war feucht vom Tau, und der Wind, der vom Mehlsack herabwehte, roch nach Rauch, kaltem Stein und einer Stadt, die ahnte, dass etwas Unheilvolles begonnen hatte.
Johann spürte die Müdigkeit wie ein Gewicht in seinen Knochen. Seine Hände zitterten noch immer leicht, nicht nur vom Kampf, sondern von der Erkenntnis, die ihn wie ein Schlag getroffen hatte: Friedrich Schneider, der angesehene Händler, der Wohltäter, der Mann, den man in Ravensburg mit Respekt grüßte, war der Anführer der Angreifer gewesen. Der Mann, der Anna als Tochter beanspruchte. Der Mann, der ihn töten wollte.
Delacroix ging neben ihm, bleich, aber wachsam. Die Wunde an seiner Schulter war notdürftig verbunden, doch der Franzose hielt sich aufrecht wie ein Soldat, der gelernt hatte, Schmerz zu ignorieren.
„Ihr müsst verstehen“, sagte er leise, „Schneider ist nicht irgendein Gegner. Er ist ein Mann, der in vielen Kreisen Einfluss hat. In Ravensburg, im Rat, bei den Händlern, bei den Zünften. Er hat Geld, Macht, Beziehungen. Und er hat keine Skrupel.“
„Ich weiß“, sagte Johann. „Aber ich hätte nie gedacht, dass er so weit geht.“
„Männer wie er gehen immer so weit“, erwiderte Delacroix. „Sie glauben, dass die Welt ihnen gehört.“
Als sie den Marktplatz erreichten, sahen sie, wie sich die Stadt bereits veränderte. Händler standen in kleinen Gruppen zusammen und flüsterten. Frauen zogen ihre Kinder hastig zur Seite, als sie Johann sahen. Zwei Stadtwächter standen am Brunnen vor der "Ratstube" und sprachen mit einem Mann in dunklem Mantel. Der Mann zeigte auf die Veitsburg, dann auf Johann. Die Wächter nickten.
„Er setzt die Stadt gegen euch in Bewegung“, sagte Delacroix.
„Er setzt die Stadt gegen die Wahrheit in Bewegung“, sagte Johann.
Der Mehlsack ragte über ihnen auf, weiß und wachsam, doch heute wirkte er wie ein Turm, der nicht mehr die Stadt schützte, sondern sie beobachtete. Ein Auge, das Schneider gehörte.
„Wir müssen wissen, was er plant“, sagte Delacroix. „Und wir müssen es wissen, bevor er es umsetzt.“
Johann nickte. „Dann gehen wir dorthin, wo seine Nachrichten zuerst landen.“
Sie schlugen den Weg zur "Zehntscheuer" in der Judengasse ein, vorbei an Häusern, deren Fensterläden halb geschlossen waren, als wollten die Bewohner nicht sehen, was sich vor ihren Türen abspielte. Vorbei an der alten Synagoge.
Ein Hund bellte, irgendwo schlug eine Tür zu. Die Stadt war wach, aber sie war nicht bei sich. Sie war angespannt, lauernd, als wüsste sie, dass ein Sturm bevorstand.
Und Johann wusste: Der Sturm trug einen Namen.
Friedrich Schneider.
Der Steuereintreiber Meister Haug öffnete die schwere Holztür nur einen Spalt breit. Sein Gesicht war zerfurcht wie alter Stein, seine Augen misstrauisch wie die eines Mannes, der zu viel gesehen hatte. Doch als er Delacroix erkannte, öffnete er die Tür weiter.
„Ihr bringt Ärger“, knurrte er. „Ich rieche ihn, bevor ihr den Fuß über die Schwelle setzt.“
„Dann habt ihr eine gute Nase“, sagte Delacroix.
Haug führte sie die Stufen in den oberer Stock der "Zehntscheuer" hinauf. Dort war es stickig, die Luft roch nach Staub, altem Holz und dem Hauch von Geschichten, die sich über Jahrhunderte von Steuerabgaben - freiwilligen und erzwungenen - angesammelt hatten. In der Wachstube, lag ein versiegeltes Schreiben auf dem Tisch. Das Siegel war frisch, das Wachs noch nicht ganz hart.
„Schneider hat es heute früh abgeben lassen“, sagte Haug. „Für die Ratsversammlung.“
Johann öffnete es vorsichtig. Die Worte darin waren wie ein Dolchstoß.
„Johann Keller ist ein Verräter am Tal. Er arbeitet mit französischen Offizieren zusammen. Er ist verantwortlich für den Angriff auf die Veitsburg. Er ist zu verhaften und dem Rat zu übergeben.“
Johann spürte, wie ihm heiß und kalt zugleich wurde. „Er macht mich zum Schuldigen.“
„Er macht euch zum Werkzeug“, sagte Haug. „Und sich selbst zum Retter.“
Delacroix schnaubte. „Er will die Stadt hinter sich vereinen. Und er braucht einen Feind, der greifbar ist.“
„Und einen, der nicht reich ist“, sagte Haug trocken. „Einen, den man hängen kann, ohne dass jemand protestiert.“
Johann legte das Schreiben ab. „Ich muss Anna finden. Sie weiß, was wirklich geschehen ist.“
„Dann beeilt euch“, sagte Haug. „Denn Schneider wird sie nicht lange frei sprechen lassen.“
Er zögerte, dann fügte er hinzu:
„Und Keller… passt auf euch auf. Schneider ist nicht nur ein Mann. Er ist wie eine Spinne, die ihre Netze webt, wo sie es will.“
Johann nickte. „Dann werde ich lernen müssen, wie man ein Netz zerreißt.“
Die Straßen Ravensburgs füllten sich, doch die Menschen wirkten angespannt. Manche sahen Johann an, als hätten sie Gerüchte gehört. Andere sahen weg, als fürchteten sie, in etwas hineingezogen zu werden. Ein alter Mann murmelte etwas, als Johann vorbeiging. Eine Frau zog ihre Tochter hastig zur Seite. Ein Händler schloss seinen Stand, als Delacroix sich näherte.
„Er hat die Stadt schon halb in der Hand“, sagte Delacroix.
„Er hat sie seit Jahren in der Hand“, sagte Johann. „Nur hat niemand es bemerkt.“
Sie erreichten die Schmiede. Lorenz schlug auf das Eisen ein, als wolle er es bestrafen. Als er Johann sah, hielt er inne und warf das Eisen in den Wassertrog. Sein Gesicht war angespannt, seine Augen voller Sorge.
„Ihr dürft nicht hier sein“, sagte er. „Schneider hat nach euch suchen lassen. Überall.“
„Wo ist Anna?“, fragte Johann.
Lorenz wich zurück. „Ich… ich weiß es nicht.“
Johann trat näher. „Lorenz. Ihr seid ein ehrlicher Mann. Und ihr liebt eure Nichte.“
Lorenz schloss die Augen. „Sie war hier. Heute früh. Sie war verzweifelt. Sie sagte, sie müsse fort. Dass ihr Vater, als der Schneider, sie… einsperren wolle.“
„Wohin ist sie gegangen?“
Lorenz zögerte. Dann flüsterte er:
„Zur alten Mühle. Oben am Flappach. Schneider ist dort, um mit dem alten Schuler über die Preise fürs Mehl zu verhandeln.“
Delacroix nickte. „Dann gehen wir.“
Doch bevor sie die Schmiede verlassen konnten, ertönte draußen ein Ruf.
„Hier entlang! Ich habe Stimmen gehört!“
Es war ein Stadtwächter, der rief.
Lorenz packte Johann am Arm. „Hinterausgang. Jetzt.“
Sie stolperten die Treppe hinunter und flohen durch den Hof, über eine Mauer, durch die Parkallee. Hinter ihnen hörten sie Rufe, Schritte, das Klirren von Waffen. Ein Hund bellte, ein Huhn flatterte erschrocken auf.
„Er will euch lebend“, keuchte Delacroix. „Das macht es nicht leichter.“
„Es macht es schlimmer“, sagte Johann. „Denn lebend kann er mich benutzen.“
Auf der anderen Straßenseite erreichten sie eine schmale Gasse, die zur Kuppelnau führte. Am Eingang standen zwei Gendarmen; doch als Delacroix ihnen einen Blick zuwarf, sah der eine weg und der andere tat so, als müsse er seine Stiefel prüfen.
„Nicht alle gehören Schneider“, sagte Delacroix.
„Noch nicht“, sagte Johann.
Sie liefen weiter, nun in die östliche Richtung den Hang hinauf, von dem der Flappach hinunterfloss. Nebel stieg vom Wasser auf, und die alte Mühle zeichnete sich als dunkle Silhouette ab. Das Rad stand still, das Dach war halb eingestürzt, und die Fenster wirkten wie leere Augenhöhlen.
Johann blieb stehen.
Ein Pferd stand vor dem ramponierten Gebäude.
Ein schwarzes.
Mit dem Wappen der Familie Schneider am Zaumzeug.
Der Nebel am Fluss war dicht, fast milchig, und verschluckte jedes Geräusch. Das Wasser rauschte leise, als wüsste es, dass gleich etwas geschehen würde. Johann spürte, wie sein Herz schneller schlug. Delacroix zog den Säbel, obwohl seine Schulter schmerzte.
„Wir sind zu spät“, sagte der Franzose.
„Nein“, sagte Johann. „Wir sind genau rechtzeitig.“
Er trat aus dem Nebel, das Herz schwer, aber entschlossen. Die Tür der Mühle stand einen Spalt offen. Ein schwacher Lichtschein drang heraus.
„Wenn Schneider hier ist“, sagte Delacroix, „dann wird er nicht allein sein.“
„Ich weiß“, sagte Johann.
Er legte die Hand an den Türrahmen.
„Aber ich werde Anna nicht noch einmal verlieren.“
Er stieß die Tür auf.
Drinnen war es dunkel, nur eine einzelne Laterne brannte. Der Raum roch nach altem Mehl und etwas anderem — etwas Metallischem. Schritte hallten. Eine Stimme sprach.
Eine Stimme, die Johann sofort erkannte.
„Ich wusste, dass ihr kommen würdet, Keller.“
Friedrich Schneider trat aus dem Schatten.
Und Anna stand hinter ihm.
Mit Tränen in den Augen.
Und einem Ausdruck, der Johann das Herz zerriss.
"Wo ist der alte Schuler," fragte Johann besorgt.
"Der ist leider nicht da, wohl nach Aulendorf, um Getreide zu kaufen."