Kapitel 4 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (4)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 4
Der "Flappach" ist ein kleiner aber energischer Bach, der vom Weiher oberhalb des städtischen Geländes hinabrauscht, um das Räder der Messerschleiferei, des Sägewerks und der Mühle anzureiben. Johann trat in das Gebäude ein, die Hand am Griff seines Knüppels, Delacroix dicht hinter ihm, den Säbel erhoben. Die Laterne in der Mitte des Raumes warf ein schwaches, gelbliches Licht, das die Schatten an den Wänden zittern ließ.
Und aus einem dieser Schatten trat - Friedrich Schneider.
Er wirkte nicht wie ein Mann, der sich versteckte. Eher wie jemand, der sich bewusst in Szene setzte. Sein Mantel war sauber, sein Haar glatt zurückgestrichen, sein Blick ruhig — zu ruhig. Ein Mann, der wusste, dass er die Kontrolle hatte.
„Ich wusste, dass ihr kommen würdet, Keller“, sagte er. „Ihr seid berechenbar. Das ist eure größte Schwäche.“
Johann - es besser wissend - antwortete nicht. Sein Blick war auf Anna gerichtet, die hinter Schneider stand. Ihre Augen waren rot vom Weinen, ihre Hände zitterten. Sie sah aus wie jemand, die zwischen zwei Abgründen stand und nicht wusste, welcher tiefer war.
„Anna“, sagte Johann leise.
Sie schloss die Augen, als würde allein sein Name sie verletzen.
Schneider lächelte. „Ihr seht, Keller, meine Tochter ist… verwirrt. Ihr habt sie mit euren Träumen angesteckt. Mit euren Ideen von Freiheit, Gerechtigkeit, Moral.“ Er schnaubte. „Schöne Worte. Aber Worte bauen keine Zukunft.“
Delacroix trat einen Schritt vor. „Ihr habt sie entführt.“
„Ich habe sie nach Hause geholt“, erwiderte Schneider. „Dorthin, wo sie hingehört.“
Johann spürte, wie Wut in ihm aufstieg. „Ihr benutzt sie.“
„Ich benutze jeden“, sagte Schneider ruhig. „Der Unterschied ist: Ich gebe ihnen etwas dafür. Sicherheit. Wohlstand. Macht - einen Teil der ewigen Blutwurscht.“
Er trat näher, die Laterne spiegelte sich in seinen Augen.
„Und euch, Keller, gebe ich eine letzte Chance.“
Johann hob das Kinn. „Ich brauche eure Chancen nicht.“
„Ihr braucht alles, was ich euch geben kann“, sagte Schneider. „Denn ohne mich seid ihr nichts. Ein Zimmermann. Ein Niemand. Ein Mann, der zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war.“
Er machte eine Pause.
„Aber mit mir… könntet ihr dieses Tal führen.“
Johann lachte bitter. „Ihr wollt keinen Partner. Ihr wollt einen Hund.“
Schneiders Blick wurde kalt. „Ich will einen Mann, der weiß, wann er knien muss.“
Delacroix hob den Säbel. „Er kniet vor niemandem.“
Schneider sah ihn an, als wäre er ein Insekt. „Ihr seid ein Fremder, Capitaine. Ein Mann ohne Heimat. Ohne Zukunft. Ihr seid ein Werkzeug, das ich entsorgen werde, sobald es stumpf wird.“
„Dann versucht es“, sagte Delacroix.
Schneider lächelte dünn. „Nicht heute. Heute habe ich etwas anderes vor.“
Er schnippte mit den Fingern.
Zwei Männer traten aus dem Schatten hinter Anna.
Bewaffnet.
Bereit.
Johann spannte sich an.
Die Falle war zugeschnappt.
Anna stand zwischen den Männern wie eine Gefangene, doch ihre Haltung verriet, dass sie innerlich kämpfte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, ihre Lippen bebten. Johann sah, wie sie versuchte, sich zu fassen, doch die Angst war stärker.
„Anna“, sagte er. „Ihr müsst mir sagen, ob ihr freiwillig hier seid.“
Sie sah ihn an, und in diesem Blick lag alles: Schmerz, Schuld, Liebe, Angst.
„Ich… ich weiß es nicht“, flüsterte sie.
Schneider legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Natürlich weißt du es. Du bist meine Tochter. Du gehörst zu mir.“
Anna zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen.
„Ich gehöre niemandem“, sagte sie leise.
Schneider packte sie fester. „Du gehörst zu mir, weil ich dich großgezogen habe. Weil ich dich beschützt habe. Weil ich dir ein Leben gegeben habe, das du ohne mich nie gehabt hättest.“
„Ein Leben in Lügen“, sagte Anna.
Schneider erstarrte.
Johann spürte, wie sich etwas in der Luft veränderte. Ein Riss. Ein Moment, in dem alles kippen konnte.
„Ihr habt mich benutzt“, sagte Anna. „Ihr habt mich benutzt, um Keller zu beobachten. Um zu sehen, wie er denkt. Wie er fühlt. Ihr habt mich zu euren Augen und Ohren gemacht.“
„Ich habe dich zu etwas Wichtigem gemacht“, sagte Schneider.
„Ihr habt mich zu einer Waffe gemacht“, sagte Anna.
Schneider ließ ihre Schulter los. Sein Blick wurde hart wie Stein.
„Du bist meine Tochter“, sagte er. „Und du wirst tun, was ich sage.“
„Nein“, sagte Anna. „Nicht mehr.“
Die beiden Männer hinter ihr traten vor.
Johann spannte sich an.
Delacroix hob den Säbel.
Schneider hob die Hand.
„Fasst sie nicht an“, sagte er. „Noch nicht.“
Er sah Anna an, als würde er sie zum ersten Mal sehen.
„Du willst also gegen mich stehen? Gegen deinen eigenen Vater?“
Anna zitterte. „Ich will auf der Seite der Wahrheit stehen.“
Schneider lächelte kalt. „Dann wirst du sterben wie alle Träumer.“
Johann trat vor. „Wenn ihr sie anrührt, Schneider, dann -“
„Dann was?“, unterbrach Schneider. „Ihr seid ein Mann mit einem Knüppel. Ich bin ein Mann mit einer Armee.“
Er machte eine kleine, beiläufige Geste.
Die beiden Männer griffen an.
Der erste Angreifer stürmte auf Johann zu, das Messer in der Hand. Johann wich zur Seite aus, packte den Arm des Mannes und rammte ihm den Ellenbogen in die Rippen. Der Mann keuchte, doch bevor Johann nachsetzen konnte, kam der zweite Angreifer von hinten.
Delacroix war schneller. Trotz seiner verletzten Schulter parierte er den Schlag mit dem Säbel, drehte sich und stieß den Mann mit einem kräftigen Tritt zurück. Der Angreifer stolperte gegen einen Balken, die Laterne schwankte, warf wilde Schatten.
Schneider trat zurück, beobachtete alles mit kalter Präzision. Er war kein Mann, der selbst kämpfte. Er war ein Mann, der kämpfen ließ.
„Ihr seid zäh, Keller“, sagte er. „Aber zäh reicht nicht.“
Johann ignorierte ihn. Er konzentrierte sich auf den ersten Angreifer, der sich wieder aufrappelte. Der Mann war kräftig, schneller als Johann erwartet hatte. Er griff erneut an, diesmal tiefer, gezielter. Johann parierte, doch der Schlag streifte seinen Arm.
Delacroix kämpfte derweil mit dem zweiten Mann, der trotz des Rückschlags nicht aufgab. Der Franzose bewegte sich elegant, präzise, aber seine Verletzung verlangsamte ihn. Der Angreifer bemerkte es und setzte nach.
„Capitaine!“, rief Johann.
„Kümmert euch um euren eigenen Gegner!“, rief Delacroix zurück.
Anna stand wie erstarrt, die Hände vor den Mund geschlagen. Sie wollte helfen, doch sie wusste nicht wie. Schneider sah sie an, als wäre sie ein lästiges Detail.
„Siehst du, meine Tochter?“, sagte er. „Das ist die Welt, die Keller dir bietet. Chaos. Blut. Schmerz.“
„Nein“, sagte Anna. „Das ist die Welt, die ihr geschaffen habt.“
Der erste Angreifer griff erneut an. Johann wich aus, packte den Mann am Kragen und riss ihn zu Boden. Der Mann schlug hart auf, verlor das Messer. Johann trat es weg.
Der zweite Angreifer drängte Delacroix zurück, doch der Franzose setzte einen letzten, verzweifelten Schlag. Der Mann taumelte, stolperte — und fiel gegen die Laterne.
Sie kippte.
Sie fiel.
Sie zerbrach.
Und das Stroh am Boden fing Feuer.
Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Die alten Holzbalken der Mühle waren trocken, das Stroh am Boden ein idealer Zunder. Innerhalb von Sekunden füllte sich der Raum mit Rauch.
„Raus!“, rief Delacroix. „Sofort!“
Johann packte Anna am Arm. „Kommt!“
Doch Schneider blieb stehen. Er sah sich um, als würde er die Situation abwägen. Dann lächelte er.
„Ihr habt mir einen Gefallen getan, Keller“, sagte er. „Jetzt kann ich sagen, ihr hättet versucht, mich zu töten.“
Er drehte sich um und rannte zur Hintertür.
„Schneider!“, rief Johann.
Doch der Mann war bereits verschwunden.
Der erste Angreifer lag bewusstlos am Boden. Der zweite versuchte aufzustehen, doch Delacroix stieß ihn zurück.
„Lasst ihn!“, rief Johann. „Wir haben keine Zeit!“
Die Flammen leckten bereits an den Wänden. Der Rauch brannte in den Augen, machte das Atmen schwer. Anna hustete, klammerte sich an Johann.
„Ich… ich kann nicht…“, keuchte sie.
„Doch“, sagte Johann. „Ihr könnt.“
Er zog sie zur Tür. Delacroix folgte, die Hand vor dem Gesicht, um den Rauch abzuwehren.
Sie erreichten den Ausgang. Kalte Luft schlug ihnen entgegen. Der Fluss rauschte, der Nebel wirbelte im Licht der Flammen.
Hinter ihnen stand die Mühle in Brand.
Vor ihnen lag das Tal.
Und irgendwo dazwischen war Friedrich Schneider.
Anna sank auf die Knie. „Er wird nicht aufgeben“, flüsterte sie. „Er wird uns jagen.“
Johann kniete sich neben sie. „Dann laufen wir schneller.“
Delacroix trat neben sie, den Säbel noch immer in der Hand. „Was schlagt ihr vor?“
Johann sah in die Flammen.
„Wir jagen zurück.“
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Es folgt Kapitel 5 ...