Kapitel 6 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (6)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 6
Der Morgen graute über dem Tal. Johann stand am Ufer, die Hände auf die Knie gestützt, und starrte in das Wasser, das ungerührt weiterströmte, als hätte es nicht vor wenigen Stunden einen Mann verschlungen. Anna trat neben ihn, die Arme um sich geschlungen, und folgte seinem Blick. „Er ist fort“, sagte sie leise.
Johann antwortete nicht. Er wusste, dass Schneider nicht einfach fort war. Nicht für ihn. Nicht für das Tal. Und schon gar nicht für das, was in der Liste stand.
Delacroix kam hinzu, die Stiefel vom Schlamm dunkel gefärbt. „Ich habe die Böschung abgesucht“, sagte er. „Keine Spur. Keine Fetzen, keine Fußabdrücke. Nichts.“
Johann richtete sich auf. „Dann hat er es geschafft.“ Delacroix schnaubte. „Oder der Fluss hat ihn geholt.“
Johann schüttelte den Kopf. „Schneider ist kein Mann, der sich vom Wasser holen lässt.“
Anna sah zwischen beiden hin und her. „Was tun wir jetzt?“
Johann sah nach Süden, wo der Fluss sich in einer Kurve verlor. „Wir gehen dorthin, wo Schneider hingehen würde. Dorthin, wo er Verbündete hat.“
Delacroix hob eine Augenbraue. „Ihr meint Weingarten?“ Johann nickte. „Und darüber hinaus.“
Der Weg zurück Richtung der Stadt mit der Basilika führte sie durch ein Tal, das im frühen Licht beinahe unwirklich wirkte. Nebel hing zwischen den Bäumen, und die Äste zeichneten sich wie Finger gegen den Himmel ab. Anna spürte die Müdigkeit in ihren Gliedern, doch sie sagte nichts. Die Ereignisse der Nacht hatten sie erschöpft, aber zugleich wachsam gemacht. Jeder Laut ließ sie zusammenzucken, jedes Rascheln im Unterholz schien ein Vorzeichen zu sein.
Delacroix ging ein Stück voraus, den Säbel locker in der Hand, doch seine Augen waren scharf. „Wenn Schneider lebt“, sagte er, ohne sich umzudrehen, „dann wird er versuchen, die Liste zu verkaufen.“
Johann nickte. „Oder zu benutzen.“
Anna runzelte die Stirn. „Wofür?“
Johann blieb stehen, sah sie an uns meinte. „Um Druck auszuüben. Um sich zu schützen. Um Macht zu gewinnen. Um seinen Schultes ins Amt zu hieven.“
Delacroix lachte trocken. „Schneider? Macht?“
Johann schüttelte den Kopf. „Ihr unterschätzt ihn. Er ist kein gewöhnlicher Gauner. Er weiß Dinge. Und er weiß, wie man sie einsetzt.“
Anna spürte ein Frösteln. „Dann müssen wir schneller sein.“
Johann legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das werden wir.“
Als sie zunächst Weingarten erreichten, lag der Ort still da, als hielte er den Atem an. Die Häuser standen dicht beieinander, die Dächer glänzten vom Tau, und aus einigen Schornsteinen stieg dünner Rauch. Doch etwas war anders. Die Straßen waren leerer als sonst, die Fensterläden geschlossen, und selbst die Hunde schienen zu schweigen.
Delacroix blieb stehen. „Das gefällt mir nicht.“ Johann nickte. „Mir auch nicht.“
Anna sah sich um. „Vielleicht schlafen die Leute noch?“
Delacroix schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist etwas anderes.“
Je näher sie dem Kloster kamen, desto deutlicher wurde die Spannung in der Luft. Zwei Männer standen am Rand des Platzes, sprachen leise miteinander und verstummten, als sie die drei sahen. Johann hob die Hand zum Gruß, doch die Männer erwiderten ihn nicht. Stattdessen musterten sie Delacroix’ Uniform mit misstrauischen Blicken.
„Die Stimmung ist gekippt“, murmelte Johann. „Seit wann?“, fragte Anna.
„Seit die Franzosen ihre Präsenz verstärkt haben“, antwortete Delacroix. „Und seit Gerüchte die Runde machen.“
Johann sah ihn an. „Welche Gerüchte?“
Delacroix zögerte. „Dass ein französischer Offizier mit Rebellen paktiert.“
Anna riss die Augen auf. „Ihr?“
Delacroix verzog das Gesicht. „Unsinn. Aber Gerüchte brauchen keine Wahrheit.“
Johann nickte. „Nur einen Funken.“ Und dieser Funken, dachte er, könnte Schneider gewesen sein.
Sie erreichten das Kloster, dessen Mauern im Morgenlicht wie aus hellem Stein gemeißelt wirkten. Der große Platz davor war leer, nur ein paar Krähen saßen auf dem Brunnenrand und krächzten. Johann klopfte an das schwere Tor, und nach einer Weile öffnete ein junger Mönch, der sie mit großen Augen ansah.
„Wir müssen mit Bruder Konrad sprechen“, sagte Johann.
Der Mönch nickte nervös. „Er erwartet euch nicht.“
„Er wird uns trotzdem sehen wollen“, meinte Delacroix leicht gereizt.
Das Innere des Klosters war kühl und still, und ihre Schritte hallten durch die Gänge. Bruder Konrad war in der Bibliothek, ein Raum voller alter Bücher und staubiger Regale. Er sah älter aus als beim letzten Mal, als Johann ihn besucht hatte. Die Falten waren tiefer, die Augen müder.
„Johann“, sagte er. „Anna. Und…“ Er musterte Delacroix. „Der Offizier.“
Delacroix verneigte sich leicht. „Bruder Konrad.“
Der Mönch faltete die Hände. „Ihr kommt wegen Schneider.“
Johann nickte. „Er hat die Liste.“
Konrad schloss die Augen. „Dann ist das Schicksal des Tals besiegelt.“
Anna trat vor. „Nicht, wenn wir ihn finden.“
Konrad öffnete die Augen, sah sie lange an. „Ihr versteht nicht, was diese Liste bedeutet.“
Johann trat näher. „Dann erklärt es uns.“
Konrad seufzte. „Es sind nicht nur Namen. Es sind Verbindungen. Netzwerke. Menschen, die im Schatten arbeiten — für und gegen die Franzosen und gegen die Bürger im Schussental. Wenn Schneider sie hat, kann er viele von ihnen erpressen. Oder verraten.“
Delacroix ballte die Fäuste. „Dann müssen wir ihn aufhalten.“
Konrad nickte langsam. „Es gibt jemanden, der euch helfen kann.“
Johann hob eine Augenbraue. „Wen?“
Konrad sah zum Fenster, als lausche er auf etwas. „Die Bruderschaft vom Weißen Stein.“
Anna erstarrte. „Die gibt es wirklich?“
Konrad lächelte traurig. „Mehr, als euch lieb sein wird.“
Johann spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. „Und wo finden wir sie?“
Konrad sah ihn an, und in seinem Blick lag etwas, das Johann nicht deuten konnte — Sorge, vielleicht sogar Furcht.
„In den Schluchten“, sagte er. „Dort, wo das Tal am tiefsten ist.“
Delacroix schnaubte. „Sie meinen damit keinen bestimmten Ort, sondern ein Geflecht von Intrigen, oder?"
Konrad nickte. „Und ein Geflecht aus Loyalitäten, Schulden und Schweigen. Und genau dort werdet ihr Antworten finden.“
Johann sah Anna an, dann Delacroix. „Dann gehen wir.“
Konrad hob eine Hand. „Seid vorsichtig. Die Bruderschaft prüft jeden, der zu ihnen kommt.“
Johann nickte. „Sollen sie.“
Er wandte sich zum Gehen, doch Konrad hielt ihn zurück. „Johann…“
Johann blieb stehen. „Ja?“
Konrad senkte den Blick. „Schneider ist nicht euer größter Feind.“
Johann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. „Wer dann?“
Konrad antwortete nicht. „Geht. Die Zeit läuft.“
Und so verließen sie das Kloster, traten hinaus in das kalte Licht des Morgens und sahen in Richtung Ravensburg, wo die wahren Schluchten des Schussentals lagen — nicht aus Fels, sondern aus Intrigen, Machtspielen und alten Bündnissen. Morgen geht dort das Rutenfest zu Ende - und danach soll der Rat einen neuen Schultes für die Stadt der sieben Türme erwählen.
Johann spürte, wie sich etwas in ihm regte. Kein Zweifel. Kein Zögern. Sondern der Beginn einer Jagd, die größer war als Schneider. Größer als die Liste. Größer als alles, was er bisher gekannt hatte.
Und er wusste: Der Weg zurück war längst versperrt.