Kapitel 5 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (5)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 5
Der Rauch der brennenden Mühle hing ihnen noch in den Kleidern, als sie den Hang hinabstiegen. Hinter ihnen knackten Balken, stürzten ein, Funken stoben in den Nebel, und das Fauchen der Flammen mischte sich mit dem Rauschen des Flappach.
Anna hielt sich an Johann fest, ihre Knie zitterten, doch in ihren Augen glomm ein Funken, der nicht mehr nur Angst war. Delacroix ging ein paar Schritte voraus, den Säbel noch immer gezogen, als rechne er jeden Moment mit einem erneuten Angriff. Der Franzose wirkte angespannt, aber nicht panisch — eher wie ein Mann, der weiß, dass die "Nacht" noch lange nicht vorbei ist. „Schneider kennt das Tal“, sagte er ohne sich umzudrehen. „Er wird nicht blind fliehen.“ Johann nickte. „Er wird versuchen, uns zu überlisten.“
Anna hob den Kopf. „Oder er hat längst einen Plan.“ Der Gedanke ließ sie frösteln. Schneider war kein gewöhnlicher Mensch. Er war ein Mann, der sich in den Schatten bewegte wie andere auf offenen Wegen. Und er hatte mehr in der Mühle gewollt, als nur über den Mehlpreis zu verhandeln und es anschließend günstig zu kaufen. Er muss etwas gewusst haben, das ihn in die Mühle geführt hatte. Etwas, das nun in den Flammen lag — oder in seinem Kopf.
Johann blieb stehen, sah zurück auf das brennende Gebäude. „Er hat uns nicht zufällig in die Mühle gelockt.“ Delacroix drehte sich um, die Augen schmal. „Ihr meint, es war ein perfider Plan?“ Johann antwortete nicht sofort. Der Wind trug Funken über den Fluss, und für einen Moment schien es, als würde die Mühle selbst aufstöhnen, bevor sie endgültig in sich zusammenfiel. „Ich meine“, sagte Johann schließlich, „dass Schneider nie allein handelt.“
Sie waren an der Schussen angekommen und folgten einem Pfad entlang des Flusses, der sich wie eine dunkle Ader durch das Tal zog. Der Nebel wurde dichter, kroch ihnen in die Kleidung, machte die Welt kleiner, enger. Und das an einem Sommertag.
"Das Wetter war auch nicht mehr das, was es einmal war," raunte Johann vor sich her.
Anna hörte ihr eigenes Atmen, hörte das Schlagen ihres Herzens, das sich mit dem Rauschen des Wassers mischte.
„Wohin gehen wir?“, fragte sie schließlich.
Johann zeigte nach Norden in Richtung Durlesbach, dorthin, wo die Schussen tiefer in die Schluchten schneidet.
„Zum alten Wehr bei den Felsen. Wenn Schneider flieht, muss er dort vorbei.“
Delacroix verzog das Gesicht.
„Das Wehr ist gefährlich. Der Weg ist schmal, der Boden rutschig. Und wenn er uns dort erwartet…“
„Dann erwartet er uns“, sagte Johann ruhig. „Aber wir kennen den Pfad besser als er.“
Anna sah ihn an.
„Und wenn er nicht dorthin geht?“
Johann blieb stehen, wandte sich ihr zu.
„Dann haben wir ihn überschätzt.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Aber Schneider ist kein Narr. Er braucht Deckung, er braucht Wasser, er braucht einen Weg, der ihn schnell aus dem Tal bringt. Das Wehr ist seine einzige Chance.“
Delacroix nickte widerwillig.
„Dann sollten wir uns beeilen.“
Sie setzten ihren Weg fort, und je tiefer sie in die Schluchten kamen, desto wilder wurde die Landschaft. Die Felsen rückten näher zusammen, die Bäume standen schief, als hätten sie sich im Laufe der Jahre vom Wind wegducken müssen. Das Rauschen des Flusses wurde lauter, unruhiger. Anna spürte, wie sich die Spannung in ihr aufbaute. Jeder Schatten schien sich zu bewegen, jeder Ast zu knacken. Und immer wieder tauchte das Bild der brennenden Mühle vor ihrem inneren Auge auf — und Schneiders Silhouette, die im Rauch verschwand.
„Er hat uns beobachtet“, murmelte sie. „Schon bevor wir ihn gesehen haben.“
Johann nickte. „Er war vorbereitet.“
Delacroix sah sie über die Schulter an. „Dann sollten wir es jetzt auch sein.“
Als sie das Wehr erreichten, war der Nebel so dicht, dass sie kaum drei Schritte weit sehen konnten. Das Wasser stürzte über die Felsen, schäumte weiß, und der schmale Steg, der hinüberführte, war glitschig wie Eis. Johann hob die Hand.
„Langsam.“
Sie tasteten sich vorwärts, Schritt für Schritt. Anna spürte, wie das Holz unter ihren Füßen nachgab, wie der Nebel sich an ihre Haut klammerte. Delacroix ging voraus, den Säbel in der Hand, die Augen wachsam.
„Wenn er hier ist“, flüsterte er, „dann…“
Ein Geräusch ließ sie erstarren. Ein Knacken. Ein Rascheln. Dann Stille. Johann zog Anna hinter einen Felsen, Delacroix duckte sich. Der Nebel bewegte sich, als hätte er eine eigene Absicht. Und dann sahen sie ihn. Eine Gestalt am anderen Ende des Stegs. Dunkel, reglos, wie aus dem Fels gewachsen.
Schneider!
Er stand da, als hätte er auf sie gewartet.
„Ihr seid langsamer geworden“, rief er, seine Stimme hallte über das Wasser.
Delacroix spannte sich an.
„Schneider! Gebt auf!“
Schneider lachte.
„Aufgeben? Ich? Ihr kennt mich schlecht.“
Johann trat einen Schritt vor.
„Was wollt Ihr?“
Schneider hob ein Etwas in die Höhe — ein kleines, ledernes Etui. „Nur das, was mir zusteht.“
Anna erkannte es sofort. Das Etui, das Delacroix bei sich getragen hatte. Das Etui, das die Liste enthielt. Die Namen. Die Verbindungen. Die Wahrheit. „Wie…“, begann Delacroix, doch Schneider unterbrach ihn.
„Ihr habt mich unterschätzt. Und das war euer Fehler.“
Er trat einen Schritt zurück, näher an den Rand des Felsens.
„Ihr könnt mich jagen, so viel ihr wollt. Aber ihr werdet mich nicht fangen.“
Johann spannte sich an.
„Schneider! Wenn Ihr springt, seid Ihr tot!“
Schneider lächelte.
„Vielleicht.“ Er sah Anna an. „Oder vielleicht auch nicht.“
Und dann sprang er. Ein Schatten, der im Nebel verschwand. Ein Aufschrei, der vom Rauschen des Wassers verschluckt wurde. Anna rannte vor, doch Johann hielt sie zurück.
„Nein! Der Strom ist zu stark!“
Delacroix stand wie versteinert.
„Schneider hat die Liste…“
Johann sah in die tosenden Wasser.
„Dann müssen wir schneller sein als der Fluss.“
Sie folgten dem Lauf der Schussen im Laufschritt, so gut es der Pfad zuließ. Der Nebel lichtete sich langsam, und die Schluchten öffneten sich zu einem breiteren Tal. Der Fluss rauschte weiter, unbarmherzig, und immer wieder suchten ihre Blicke das Wasser ab — nach einem Körper, nach einem Zeichen, nach irgendetwas. Doch sie fanden nichts.
„Er kann nicht überlebt haben“, sagte Anna schließlich, ihre Stimme war brüchig.
Delacroix schüttelte den Kopf. „Schneider ist wie ein Biber. Er findet immer einen Weg.“
Johann blieb stehen, sah auf das Wasser.
„Wenn er lebt, wird er versuchen, das Tal zu verlassen. Und wenn er tot ist…“
Er brach ab. Anna sah ihn an.
„Dann hat jemand anderes die Liste.“
Delacroix fluchte leise.
„Wir müssen zurück nach Ravensburg. Dort gibt es Leute, die wissen, was Schneider wusste.“
Johann nickte.
„Und wir müssen herausfinden, wer ihn geschickt hat.“
Anna sah zurück in die Schluchten, die sich hinter ihnen schlossen wie ein dunkler Schlund.
„Und was, wenn wir nicht die Jäger sind?“
Johann legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Dann werden wir es eben werden.“
Sie wandten sich nach Süden, dorthin, wo das Tal breiter wurde und die Wege sich verzweigten.
Hinter ihnen rauschte der Fluss, als würde er Geheimnisse mit sich tragen, die niemand je wiederfinden sollte. Doch Johann wusste, dass nichts im Schussental für immer verloren blieb. Nicht die Wahrheit. Nicht die Schuld. Und schon gar nicht ein Mann wie Friedrich Schneider.