Offener Brief an den Redaktionsleiter der "Schwäbischen Zeitung" - Ihr jüngster Artikel samt Kommentar über die vier Kandidaten zur OB-Wahl
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Der Presserat erhält explizit "Cc" eine Kopie dieses Schreibens mit der Bitte um Intervention. Ebenso der Herr Regierungspräsident in Tübingen und die Ravensburger Staatsanwaltschaft und Herr Samuel Bosch (mit der Bitte um Weitergabe an die beiden Mitkandidaten) zur Information.
Stefan Weinert, Blogger Ravensburg, 11. Februar 2026
via E-Mail
Offener Brief an den Redaktionsleiter der "Schwäbischen Zeitung" - Ihr jüngster Artikel samt Kommentar über die vier Kandidaten zur OB-Wahl - SZ vom 10./11. Februar 2026
Sehr geehrter Herr Hautumm,
Ihr jüngster Artikel samt Kommentar zur Ravensburger Oberbürgermeisterwahl wäre eine Gelegenheit gewesen, die politische Kultur dieser Stadt zu stärken. Stattdessen dokumentiert er vor allem eines: eine bemerkenswerte und signifikant wahrnehmbare publizistische Schieflage, die seit Wochen und Monaten die Berichterstattung der „Schwäbischen Zeitung“ beherrscht, vor allem wenn es um die bevorstehende OB-Wahl geht.
Sie schreiben, Ravensburg hätte „eine Auseinandersetzung um politische Ideen“ verdient. Auch mit ernst zu nehmenden Gegenkandidaten. Das klingt zwar nach demokratischer Hygiene - wäre da nicht die Tatsache, dass gerade Ihre Redaktion seit Dezember 2025 alles dafür getan hat, um - wenn es möglich ist - genau diese Auseinandersetzung zu vermeiden. Wer den Amtsinhaber - so wie Sie es getan haben - über Wochen hinweg als quasi naturgegebenen Sieger inszeniert, der so fest im Sattel eines US-texanischen Rodeos sitzt, dass selbst der wildeste Stier ihn auch nach acht Jahren nicht abwerfen kann, darf sich am Ende nicht darüber beklagen, dass der Wahlkampf „zu wenig Substanz“ hat, sondern ist selbst dafür zur Verantwortung zu ziehen.
Was Sie zu "Papier" bringen, ist kein Befund, das ist ein von Ihnen (Chefredakteur und Redaktion) selbst erzeugtes Produkt im Sinne eines Vakuums jenseits Ihres Favoriten.
Ihre mediale Darstellung in dem jüngsten Artikel/Kommentar der drei Herausforderer ist dafür ein Musterbeispiel und meiner Meinung nach unanständig = im wortwörtlichen Sinne von "ohne Anstand".
Samuel Bosch wird von Ihnen auf seine Verurteilung als mutiger und konsequenter Klimaaktivist reduziert und die Führung eines Rathauses mit Vorurteilen abgesprochen, als wären dies die einzigen Aspekte seiner Person. Doch Samuel setzt sich auch für den Widerstand gegen Rechts ein, für eine bessere Demokratie, für Vielfalt in der Gesellschaft und für die Beschaffung von Wohnraum für Wohnraum-Bedürftige.
Dass dagegen Dr. Rapp selbst eine objektiv "falsche Tatsachenbehauptung" zu angeblich „allgemein gesunkenen Baukosten“ mit umgerechnet 9,09 Prozent öffentlich verbreitet hat, bleibt hingegen unerwähnt und ungestraft. Ein Amtsinhaber, der mit falschen Fakten operiert, wäre in jeder funktionierenden Lokalredaktion ein Thema. Bei Ihnen: kein Wort, keine Nachfrage, keine Einordnung. Diese selektive Blindheit ist nicht zufällig - sie ist eine redaktionelle Entscheidung und Teil Ihrer Philosophie.
Ähnlich verhält es sich mit der rechtswidrigen Absage der Gemeinderatssitzung im Januar 2026 durch den amtierenden OB. Ein demokratisches Gremium wird ohne Not ausgebremst, und die Zeitung schweigt. Wäre einer der Herausforderer für einen solchen adäquaten Vorgang verantwortlich gewesen, hätten Sie (Zeitung) vermutlich eine ganze Serie daraus gemacht. Beim Amtsinhaber hingegen herrscht eine bemerkenswerte publizistische Schonhaltung, ja Stille, ja Schweigen, welches in diesem Falle alles andere als Gold ist.
Umut Bulut wiederum wird von Ihnen als „umtriebig“ etikettiert - ein Wort, das in Ihrem Kontext kaum anders als abwertend verstanden werden muss. Seine Kandidatur als „PR‑Gag“ abzutun, ist nicht nur sachlich falsch, sondern auch respektlos gegenüber einem Ravensburger Geschäftsmann, der sich seit Jahren engagiert, in einem Ravensburger Fußballverein hervorragend gespielt hat und gerade bei jungen Menschen hohes Ansehen genießt. Gegenüber einem jungen Mann, der die Möglichkeiten des Deutschen Grundgesetzes ernst nimmt. Umut ist zudem ein vorbildliches Paradebeispiel für die Integration eines Kindes, Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft. Ich kenne Umut und seine große Familie seit seinen Kindesbeinen an. Dass Sie diese Perspektive unterschlagen, passt ins Muster: vernichtende Kritik nach unten, Schonung, Weichspülgang und Werbung nach oben.
Roman Urban schließlich wird in drei Zeilen von Ihnen zum „Sonderling“ erklärt. Damit verpassen Sie ihm für alle sichtbar das Brandzeichen der Unwählbarkeit, gleich dem des biblischen Kains, auf die Stirn. Dass Sie seine völkisch-antisemitischen Positionen klar benennen, ist richtig und notwendig.
Aber auch hier fällt auf: Die kritische Energie richtet sich ausschließlich gegen die Herausforderer. Beim Amtsinhaber hingegen wird selbst die leise Kritik noch in Watte verpackt, mit einem obligatorischen „Aber“ entschärft und sofort relativiert. Auch das ist kein Zufall, sondern redaktionelle Dramaturgie.
Die Summe dieser Muster ergibt ein klares Bild: Die drei Herausforderer werden systematisch klein und schlecht geredet und beschrieben, während der Amtsinhaber mit einer publizistischen Schutzschicht umgeben wird, die jeder kritischen Auseinandersetzung vorgelagert ist und sie obsolet macht. Nichts zu lesen über das Flappachbad, nichts über den misslungenen "Schussenpark", nichts über die obsolete und bei vielen Bürgern in der Kritik stehende "Brücke über die Wangener Straße", nichts über das gebrochene Klimaversprechen von 2020, nichts über die undurchsichtigen Kostenexplosionen bei den Sanierungs- und Bauprojekten!
Das alles ist keine neutrale Berichterstattung, sondern eine Form der politischen Rahmung, die man nicht mit wohlklingenden Sätzen über „verdiente Debatten“ kaschieren kann.
Ich werde einen der drei Herausforderer wählen - wie viele andere es auch tun werden, insbesondere die jungen Menschen ab 16 Jahren und die Generation "Z". In meinem Umfeld wird das Verhalten Ihrer Redaktion, wie auch das des Amtsinhabers, zunehmend als Ausdruck von Nervosität wahrgenommen. Und Nervosität entsteht selten aus Stärke.
Die „Schwäbische Zeitung“ bezeichnet sich gern als vierte Gewalt. Oder haben Sie diesen Status bereits aufgegeben? In diesen Wochen und Monaten wirkt sie eher wie die erste und entscheidende Stütze im Wahlkampf-Gerüst des Amtsinhabers - stabilisierend, abfedernd, flankierend und vor einem Absturz schützend.
Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Weinert