Die „Schwäbische Zeitung“ hat (längst) die Grenze zwischen journalistischer Beobachtung und politischer Einflussnahme überschritten ...
Die „Schwäbische Zeitung“, das einzige Medium mit nennenswerter Reichweite im Schussental, hat mit ihrem jüngsten Artikel samt Kommentar zur Ravensburger Oberbürgermeisterwahl eine Grenze überschritten, die für eine funktionierende lokale Demokratie unverzichtbar ist: die Grenze zwischen journalistischer Beobachtung und politischer Einflussnahme.
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Es gibt Momente, in denen sich die politische Atmosphäre einer Stadt verändert, ohne dass sich die Bürgerinnen und Bürger darüber bewusst sind, was da gerade geschieht. Ein solcher Moment, der eigentlich auch nur der Schlusspunkt einer schon längeren schleichenden Phase ist, liegt nun hinter uns.
Die „Schwäbische Zeitung“ (gemeint ist hier die Redaktion Ravensburg), das einzige Medium mit nennenswerter Reichweite im Schussental, hat mit ihrem jüngsten Artikel samt Kommentar zur Ravensburger Oberbürgermeisterwahl eine Grenze überschritten, die für eine funktionierende lokale Demokratie unverzichtbar ist: die Grenze zwischen journalistischer Beobachtung und politischer Einflussnahme.
- Lesen Sie bitte auch hier:
- Offener Brief an den Redaktionsleiter der "Schwäbischen Zeitung" - Ihr jüngster Artikel samt Kommentar über die vier Kandidaten zur OB-Wahl
10. Feb. 2026
Dass ich diesen Vorgang öffentlich mache, ist keinesfalls nicht nur ein persönliches Anliegen, sondern ein demokratisches. Deshalb habe ich meinen "Offenen Brief" nicht nur an den Redaktionsleiter selbst gesendet, sondern zugleich in Kopie an den Deutschen Presserat, den Regierungspräsidenten in Tübingen, die Ravensburger Staatsanwaltschaft sowie an Samuel Bosch mit der Bitte um Weitergabe an seine beiden Mit-Herausforderer. Transparenz ist in solchen Situationen kein Stilmittel, sondern Pflicht.
Denn was hier geschieht und geschehen ist, betrifft nicht nur vier Kandidaten. Es betrifft die politische Kultur einer ganzen Stadt.
Der Kommentar der Zeitung hätte - wie schon von mir erwähnt - eine Gelegenheit sein können, die demokratische Debatte zu stärken. Stattdessen wurde er zum Dokument einer publizistischen Schieflage, die sich seit Monaten abzeichnet. Die Redaktion schreibt, Ravensburg habe „eine Auseinandersetzung um politische Ideen“ verdient – wenn's sein muss, auch mit ernst zu nehmenden Gegenkandidaten. Ein Statement, das nach Hammerschlägen auf glühende Demokratie klingt, aber in Wahrheit das Gegenteil dessen beschreibt, was die Zeitung selbst seit Dezember 2025 betrieben hat.
Denn wer seit Wochen hinweg quasi nur die mediale Sonne über den schon feststehenden Sieger namens Amtsinhaber scheinen lässt, wer ihn als unerschütterlichen Rodeo-Reiter darstellt, der darf sich am Ende nicht darüber beklagen, dass der kommende eh schon erschreckend kurze Wahlkampf zu einer Farce werden würde. Er hat selbst dafür gesorgt.
Die Art und Weise, wie die drei Herausforderer im jüngsten Artikel und Kommentar dargestellt wurden, ist kein Ausrutscher. Sie ist ein Muster. Und dieses Muster ist Respektlosigkeit vor dem Anderen, vor echter Volksherrschaft (Demokratie), vor Vielfältigkeit. Dabei hatte die kritische Wahlkommission alle drei Gegenkandidaten mit ihren - vom Redaktionsleiter genannten "Macken", Eigentümlichkeiten und Blessuren dennoch als politisch ernstzunehmende Kandidaten zugelassen.
Samuel Bosch - zur Erinnerung - wird auf seine Verurteilung als Klimaaktivist reduziert, als wäre dies der einzige Aspekt seiner Person. Dass er sich seit Jahren gegen Rechts engagiert und erst vor wenigen Tagen eine entsprechende Demo mit 5.200 Teilnehmern organisiert hat, und für demokratische Teilhabe, für Vielfalt, für sozialen Wohnraum – kein Wort darüber von dem - in meinen Augen - unverantwortlichen Journalisten. Dass er sich mit Mut und Konsequenz für politische Anliegen einsetzt, die weit über Klimafragen hinausgehen – kein Interesse.
Stattdessen wird ihm die Fähigkeit abgesprochen, ein Rathaus zu führen. Nicht aufgrund seiner Argumente, sondern aufgrund eines Etiketts.
Umut Bulut - zur Erinnerung - wird als „umtriebig“ bezeichnet – ein kontextual negativ konnotierter Begriff. Seine Kandidatur wird als „PR‑Gag“ abgetan. Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern respektlos gegenüber einem jungen Ravensburger Unternehmer, der sich seit Jahren engagiert, der im Sport und in der Jugendarbeit Anerkennung genießt und der ein Paradebeispiel gelungener Integration, eines Kindes, Jugendlichen, Erwachsenen und Unternehmers mit Migrationshintergrund ist.
Ich kenne Umut und seine Familie seit seinen Kindertagen. Wer ihn auf ein Etikett reduziert, zeigt nicht journalistische Distanz, sondern journalistische Geringschätzung.
Roman Urban - zur Erinnerung - wird in drei Zeilen zum „Sonderling“ erklärt. Seine völkisch-antisemitischen Positionen müssen benannt werden – das ist richtig und notwendig. Doch dass auch er Vater eines Kindes ist, dass er mehrere Studiengänge nachweisen kann, dass er sich vor Jahren die Haare hat abschneiden lassen, weil für ihn ein neuer Lebensabschnitt begann und das alte hinter ihm liegt, wird nicht nur verschwiegen, sondern Herr Hautumm von der "Schwäbischen" lässt ihn mit langen Haaren und wildem Bart als stereotypen Guru ablichten. Hat der Chefredakteur jemals mit Urban gesprochen? Ich habe es getan.
Während die Herausforderer mit Etiketten versehen werden, genießt der Amtsinhaber eine publizistische Schonhaltung, die ihresgleichen sucht. Beispiele gibt es genug:
Die objektiv falsche Tatsachenbehauptung zu angeblich „allgemein gesunkenen Baukosten“ um 9,09 Prozent – kein Thema.
Die rechtswidrige Absage der Gemeinderatssitzung im Januar 2026 – kein Thema.
Die Kostenexplosionen bei Sanierungs- und Bauprojekten – kein Thema.
Das gebrochene Klimaversprechen von 2020 – kein Thema.
Die Kritik am Schussenpark, am Flappachbad, an der Brücke über die Wangener Straße – kein Thema.
Wäre einer der Herausforderer für einen dieser Vorgänge verantwortlich gewesen, die Zeitung hätte vermutlich eine ganze Serie daraus gemacht oder eine Sonderausgabe geschaltet.
Man/frau könnte all dies als journalistische Geschmacksfrage abtun. Doch das wäre zu kurz gedacht. Lokaljournalismus ist nicht irgendeine Stimme im Chor der Meinungen. Er ist – gerade in Regionen mit nur einem dominierenden Medium – ein demokratischer Faktor.
Wenn eine Zeitung ihre Rolle verlässt, verliert die Öffentlichkeit ihre Orientierung.
Wenn eine Redaktion Kandidierende ungleich behandelt, verliert die Demokratie ihre Fairness.
Wenn ein Medium sich selbst zum Akteur macht, verliert die politische Kultur ihre Stabilität.
Und genau das ist hier geschehen.
Wir stehen am Beginn eines Wahlkampfs, der für Ravensburg wichtig ist. Es geht um Weichenstellungen, um Prioritäten, um die Frage, wie diese Stadt in den kommenden Jahren geführt werden soll. Und gerade deshalb ist es entscheidend, dass die Bürgerinnen und Bürger sich nicht von medialen Stimmungen abhängig machen.
Sie haben die Fähigkeit, sich selbst ein Bild zu machen. Sie können Veranstaltungen besuchen, Programme lesen, Gespräche führen. Sie können die Kandidierenden persönlich erleben. Sie können ihre eigenen Maßstäbe anlegen.
Sie brauchen keine Zeitung, die ihnen sagt, wer „geeignet“ ist und wer nicht.
Ich kenne zwei der Herausforderer persönlich, den Dritten aus einem längeren Telefonat. Und ich weiß: Sie werden sich nicht auf einen schmutzigen Wahlkampf einlassen. Sie wollen über Inhalte sprechen, nicht über Schlagzeilen. Sie wollen Lösungen diskutieren, nicht Etiketten. Sie wollen die Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen.
Ich selbst werde mich ebenfalls nicht in diese Dynamik hineinziehen lassen. Nicht, weil ich konfliktscheu wäre, sondern weil ich überzeugt bin, dass demokratische Kultur nur dann überlebt, wenn wir uns nicht von der Lautstärke anderer treiben lassen.
Wir können diesen Moment nutzen, um Maßstäbe zu klären:
Medien müssen fair berichten.
Kandidierende müssen respektvoll miteinander umgehen.
Bürgerinnen und Bürger müssen sich selbst ein Bild machen.
Und wir alle müssen darauf achten, dass demokratische Kultur nicht durch Tonlagen beschädigt wird, die ihr nicht entsprechen.
Wenn uns das gelingt, wird dieser Wahlkampf nicht schmutzig. Sollte er es dennoch werden, dann hat die "Schwäbische Zeitung" dafür heute den Startschuss gegeben. Sie wird ihn aber - siehe oben - alleine führen müssen.
Ein Schlusswort in eigener SacheIch werde einen der drei Herausforderer wählen. Nicht aus Opposition, sondern aus Überzeugung. Und ich weiß, dass viele andere – insbesondere junge Menschen ab 16 Jahren – ähnlich denken. In meinem Umfeld wird das Verhalten der Redaktion wie auch das des Amtsinhabers zunehmend als Ergebnis einer Schnappatmung und Schweißausbruches gedeutet.
Und die „Schwäbische Zeitung“ - eigentlich sollte sie als vierte Gewalt des Staates in unserer Region fungieren - hat diese Aufgabe scheinbar längst über Bord in die Schussen geworfen.
Es ist Zeit, dass wir darüber sprechen. Es ist Zeit, dass wir hinschauen. Und es ist Zeit, dass wir uns nicht manipulieren lassen.
Demokratie lebt von Klarheit, nicht von Schlagzeilen. Von Haltung, nicht von Etiketten. Von Bürgerinnen und Bürgern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Ich hoffe, dass diese Kolumne einen kleinen Beitrag dazu leistet.