OB-Wahl: Wer 'in und um Ravensburg herum' hat eigentlich die Deutungshoheit? - Texte, gleich identische Autoteile auf dem Fließband ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Es gibt Texte, die wie Autoteile auf einem Fließband wirken, welche der Mechaniker aufnimmt und an der richtigen Stelle des im Kopf schon fertiggestellten SUV montiert. Im Sekundentakt. Man/frau liest diese Texte und weiß am Ende nichts Neues. Das Fatale daran ist, dass hier jemand schreibt, der/die mit seinen tausend Worten nicht die Gegenwart und ihre Realität beschreibt, sondern über sein eigenes Bild von ihnen. Und das - wie gesagt - gefühlt Tag für Tag mit immer derselben Botschaft, nur mit anderer Buchstabenfolge. Die Artikel der "Schwäbischen Zeitung" der zurückliegenden Tage und Wochen zur Ravensburger OB‑Wahl (vom Chef oder seinen Mitarbeiter/innen geschrieben) gehören für mich genau in diese Kategorie. Besonders originell und einfallsreich sind sie nicht gerade. Mutig schon gar nicht. Investigativ? Mit keinem Jota. Sie klingen vertraut - vertraut, weil aus der Echokammer der zurückliegenden Zeitspanne - und werden doch jedes Mal als eine eigenständige professionelle Analyse verkauft.
Ich habe mich gefragt, warum mich diese Texte überhaupt berühren, ja, teilweise ankratzen, angreifen und ärgern. Nicht nur im Sinne von „dass ich mich darüber aufrege“, sondern auch im Sinne von "das ist ungerecht". Bei diesen inneren Vorgängen bin ich aber auch auf die Frage gestoßen: Was sagen diese Fließband-Texte über die Mechanismen, die hier am Werk sind?
Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Die Artikel sind für mich weniger ein journalistisches Meisterstück, sondern mehr psychologische Dokumente. Dokumente über Routinen, über Projektionen, über die Angst vor Veränderung – und über die subtile Kunst, durch Tonfall und Setzungen eine Stimmung zu erzeugen, ohne sie offen auszusprechen.
Die Artikelserie der hiesigen Redaktion der "Schwäbischen Zeitung" zur OB-Wahl wirkt auf mich wie ein und dasselbe Narrativ: Die Wahl zum Oberbürgermeister ist von vornherein eine eindeutige Angelegenheit, der Amtsinhaber (der wieder antritt) ist perfekt - mit zu vernachlässigenden Dellen, die Gegenkandidaten aber - wie schon wie vor acht Jahren - sind irrelevant. Aber auch das ist keine Analyse, das ist ein Ritual.
Ein Ritual, das beruhigt.
Ein Ritual, das Ordnung schafft.
Ein Ritual, das die Welt so beschreibt, wie man sie gern hätte – nicht unbedingt so, wie sie ist oder gar werden könnte! Gott behüte!!
Ich persönlich halte es für sehr wahrscheinlich, dass diese Setzungen nicht zufällig sind. Sie sind zu glatt, zu früh, zu eindeutig. Sie wirken wie ein Versuch, die Deutungshoheit im Schussental zu sichern, bevor überhaupt ein echter Diskurs entstehen kann. Das könnte auch ein Zeichen von Schwäche, Ängsten und Panik sein.
- Bitte nicht den Klimaaktivisten als OB!
- Bitte nicht den Dönerverkäufer als Stadtoberhaupt!
- Bitte nicht den Esoteriker an Stelle des wunderbaren Geldvermehrers!
- Sie könnten ja die Ravensburger Welt (zum Guten!) verändern.
Offene Situationen sind anstrengend. Sie verlangen Aufmerksamkeit, Neugier, Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Eine Wahl, deren Ausgang unklar ist, zwingt dazu, genauer hinzusehen. Sie zwingt dazu, Fragen zu stellen, die unbequem sein könnten. Sie zwingt dazu, die eigene Position zu reflektieren. Doch das will man und frau im Glaskasten in der Karlstraße nicht, weshalb der Ausgang der Wahl für sie KLAR ist. Vermeidungstaktik!
- Lesen Sie auch hier:
- DAVID & GOLIATH - Kein Märchen ° kein Mythos ° kein religiöses Ornament °, sondern Erschütterung der Selbstgewissheit und Entlarvung der Machtverhältnisse ...
Stattdessen erklären sie das vorhergesagte Ergebnis der Wahl zur Fortsetzung des Status quo, Wochen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Sie erklären die Mitkandidaten zu Randfiguren, bevor sie sich zeigen konnten. Sie erklären die Stadt zu einem Ort der Stabilität, bevor die Bürgerinnen und Bürger überhaupt ihre anders lautende Stimme abgegeben haben.
Das ist nicht nur bequem. Es ist auch ein psychologischer Schutzmechanismus: Wenn ich früh festlege, dass alles bleibt, wie es ist, muss ich mich nicht mit der Möglichkeit beschäftigen, dass es anders kommen könnte.
Ich lese die Artikelserie der SZ inzwischen als Projektion. Als Ausdruck eines inneren Bedürfnisses nach Ruhe, nach Kontinuität, nach einer Welt, die sich nicht bewegt. Aber weder ist die Welt eine Scheibe, noch steht sie still. Das wissen wir eigentlich schon seit Galileo. Doch dieses oben beschriebene Bedürfnis und die "Scheibentheorie" sind kein guter Ratgeber für journalistische Arbeit.
Wenn jemand schreibt, es gebe trotz der Gegenkandidaten keinen ernst zu nehmenden Wahlkampf, dann sagt das oft mehr über die eigene Wahrnehmung aus, als über die Realität (siehe oben). Es ist ein Versuch, Komplexität zu reduzieren. Ein Versuch, Unsicherheit zu vermeiden. Ein Versuch, die eigene innere Landkarte über die Landschaft zu legen.
Es ist auch ein Versuch, Stimmung zu machen. Nicht laut, nicht aggressiv, aber subtil. Die Botschaft lautet: „Regt euch nicht auf, es wird sowieso nichts passieren.“ Das ist eine Form der Einflussnahme, die gerade deshalb wirksam ist, weil sie sich als Neutralität tarnt.
Warum mich das nicht mehr ärgern sollte.Bisher habe ich meist und manchmal leicht impulsiv reagiert und explizite Gegenartikel geschrieben, habe Auslassungen benannt, die blinden Flecken, die rhetorischen Tricks. Momentan spüre ich: Das ist Energieverschwendung. Nicht, weil die Kritik unberechtigt wäre, sondern weil sie das Spiel fortsetzen würde, das ich so nicht mehr spielen möchte.
Empörung bindet Energie. Gelassenheit setzt sie frei.
Ich entscheide mich für mehr Gelassenheit.
Nicht aus Resignation, sondern aus Klarheit.
Ich glaube nicht an die Vorstellung des neutralen Beobachters. Jeder Journalist ist Akteur. Jeder Text ist eine Intervention. Jeder Satz ist eine Setzung. Und wer so früh, so eindeutig, so routiniert die Wahl als bereits "gelaufen" beschreibt, der setzt einen Rahmen, der wirkt.
Das ist - so könnten einige meinen - nicht schlimm. Aber es ist auf jeden Fall nicht unschuldig.
Und es ist legitim, das zu benennen.
Nicht empört. Nicht anklagend. Sondern analytisch.
Was mich an solchen Artikeln "fasziniert", ist die Mechanik dahinter. Sie funktioniert in drei Schritten:
Reduziere die Komplexität. Mach aus einer offenen Situation eine geschlossene.
Stabilisiere das Bild. Wiederhole bekannte Narrative: solide Amtsführung, keine Skandale, keine Wechselstimmung.
Marginalisiere Alternativen. Erwähne Gegenkandidaten, aber nur als Randnotiz. Nicht als ernst zu nehmende und zu respektierende Menschen, nicht als Ideengeber, nicht als Optionen.
Kann man/frau das eigentlich in einem Journalistenstudium lernen? Oder ist das von "oben" vorgegeben? Ist das der Stallgeruch, den man/frau erst annehmen muss, bevor man/frau schreiben darf? Diese Mechanik ist wirksam, weil sie unauffällig ist. Sie wirkt wie eine Beschreibung, ist aber eine Bewertung. Sie wirkt wie eine Analyse, ist aber eine Setzung. Sie wirkt wie Baldrian, ist aber eine Einflussnahme.
Warum ich mich entschlossen habe, trotzdem ruhig zu bleiben.Weil ich weiß, dass solche Texte nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden. Weil ich weiß, dass Menschen differenzierter denken, als manche Redaktionen glauben. Weil ich weiß, dass die Stadt in Bewegung ist, auch wenn manche das nicht sehen wollen.
Und weil ich weiß, dass Gelassenheit manchmal die schärfste Form der Kritik ist.
Ich gestehe: Ein Teil von mir (aber nur ein Teil) lächelt, wenn ich solche Artikel lese. Nicht spöttisch, nicht herablassend, sondern wissend. Ein Lächeln, das sagt: „Ach, da ist es wieder, das alte Muster.“ Ein Lächeln, das die Schwere nimmt. Ein Lächeln, das zeigt, dass ich die Mechanismen durchschaue – und mich nicht von ihnen bestimmen lasse. Jedenfalls übe ich mich daran.
Und Humor (siehe dort) ist manchmal die eleganteste Form der Distanz.
Am Ende bleibt für mich dies: Das Artikelfließband zur OB-Wahl 2026 in Ravensburg am 8. März 2026 ist ein Spiegel. Er zeigt nicht die Stadt, nicht die Wahl, nicht die Kandidaten – sondern die innere Haltung derjenigen, die den Spiegel (Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land) positionieren, die Ordnung suchen, wo Bewegung ist. Eine Haltung, die Stabilität behauptet, wo Fragen offen sind. Eine Haltung, die beruhigen will, wo Unruhe angebracht wäre.
Ich nehme das zur Kenntnis. Ich verstehe die Mechanismen. Ich erkenne die Muster.
Und ich versuche, weiterhin gelassen zu bleiben.
Denn Gelassenheit ist nicht Gleichgültigkeit. Sie ist Klarheit.
Und Klarheit ist das, was wir in diesem Wahlkampf am dringendsten brauchen.
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Ge- (Bewegung) Lassenheit (Fluß) Eine Beobachtung der allgemeinen Bewegung und eine Möglichkeit die das intelligente Individuum bekommt um sich selber zu informieren, in Form zu bringen, um sein einzigartiges, eigenes Weltbild zu schöpfen und um einen eigenen Abdruck in der Welt für das große Ganze zu hinterlassen..
Habe die Ehre.