500 Leichenfunde rund um ein WM-Stadion, Autokraten Trump & Infantino und Tickets für 10.990 US$ --- Und der DFB fährt dennoch schweigend zur Fußball-WM ...
Es gibt Haltlinien im Leben eines Menschen, einer Stadt oder einer ganzen Nation, die, werden sie als solche ignoriert, ins Verderben führen und/oder einen nicht wieder rückgängig machenden moralischen Verfall bedeuten. Für ein Individuum, eine Kommune oder eine Nation.
Eine solche Haltelinie ist die bevorstehende Fußball‑WM im Sommer 2026. Während die FIFA von einem „Fest des Fußballs“ schwärmt, werden in Mexiko Massengräber ausgehoben – nicht irgendwo, sondern in Sichtweite eines WM‑Stadions. Einen Steinwurf entfernt von der Fußballstätte, die einst "Aztekenstadion" hieß. Ein Suchkollektiv fand dort rund 500 Säcke mit menschlichen Überresten, Angehörige hängten Vermisstenfotos auf, die später übermalt wurden, weil die lokale Verwaltung lieber eine heile WM‑Kulisse simuliert als die Realität zu ertragen.
Das ist kein Randthema, das ist der Boden, auf dem diese WM steht. Und wer jetzt noch glaubt, Sport sei unpolitisch, der glaubt vermutlich auch, dass die FIFA ein Wohlfahrtsverband ist.
Gleichzeitig wird in den USA ein Präsident hofiert, dessen Regierungsstil von der Stiftung Wissenschaft und Politik als „illiberal“ und „autoritäre Erosion demokratischer Institutionen“ beschrieben wird. Ein Präsident, der laut dieser Analyse systematisch Gewaltenteilung untergräbt, Gegner delegitimiert und staatliche Institutionen für politische Zwecke instrumentalisiert.
Genau dieser Mann wird Gastgeber einer WM sein, deren Präsident Gianni Infantino sich inzwischen mit Beschwerden von Menschenrechtsorganisationen konfrontiert sieht – unter anderem wegen mutmaßlicher Einflussnahme, Intransparenz und Nähe zu autoritären Regimen. Dass Infantino und Trump sich blendend verstehen, überrascht niemanden, der die letzten Jahre wach verfolgt hat.
Und während all das passiert, denkt sich die FIFA Ticketpreise aus, die bis zu 10.990 Dollar reichen. Ein Preisniveau, das nicht einmal mehr als Zynismus durchgeht, sondern als offener Hohn gegenüber jenen, die Fußball als Volkssport begreifen. Die FIFA verkauft das als „Premium-Erlebnis“. Für viele Menschen ist es eher ein Premium‑Ausschluss. Die soziale Spaltung wird nicht nur sichtbar, sie wird zelebriert.
Was muss eigentlich noch geschehen, damit der DFB begreift, dass ein Boykott keine radikale Forderung ist, sondern eine moralische Notwendigkeit? Wie viele Massengräber, wie viele demokratische Erosionsprozesse, wie viele Skandale um Infantino, wie viele Preisexzesse braucht es noch?
Selbst internationale NGOs wie Human Rights Watch und Amnesty International warnen seit Jahren vor der systematischen Missachtung von Menschenrechten im Umfeld großer Sportereignisse. Die „New York Times“ schrieb bereits 2022, dass die FIFA „strukturell unfähig“ sei, Menschenrechtsstandards durchzusetzen. Der „Guardian“ dokumentierte mehrfach, wie die FIFA trotz gegenteiliger Beteuerungen autoritäre Staaten stärkt, indem sie ihnen globale Bühne und Legitimation verschafft. Und der Sportethiker Declan Hill bezeichnete die FIFA in Interviews als „eine Organisation, die sich selbst nicht mehr kontrolliert“.
Der DFB (der Deutsche-Fußball-Bund) aber schweigt. Oder genauer: Er duckt sich weg. Man* will „nicht politisieren“. Als wäre Wegschauen keine politische Handlung. Als wäre Mitmachen keine politische Entscheidung. Als wäre moralische Feigheit neutral.
Dabei wäre die Lage klar: Ein Boykott wäre kein Zeichen gegen Fußball, sondern ein Zeichen für Menschenrechte, für Demokratie, für die Würde der Opfer in Mexiko, für jene, die in den USA zunehmend unter Druck geraten, für all jene, die sich keinen vierstelligen Ticketpreis leisten können, aber trotzdem glauben, dass Fußball ihnen gehört. Ein Boykott wäre ein Signal an die FIFA, dass es Grenzen gibt – und dass diese Grenzen nicht beliebig verschiebbar sind, nur weil irgendwo ein neuer Markt lockt.
Es gäbe Alternativen zu solch einer blutigen WM. Der DFB könnte ein eigenes Turnier initiieren, gemeinsam mit Verbänden, die ähnliche Bedenken haben. Er könnte Transparenz einfordern, echte Menschenrechtsklauseln, unabhängige Kontrollen. Er könnte sich an die Spitze einer Reformbewegung stellen, statt sich in die Rolle des schweigenden Statisten zu fügen. Er könnte – und das ist der wichtigste Punkt – endlich wieder Rückgrat zeigen.
Denn irgendwann wird man* uns fragen, wo wir standen, als Massengräber neben WM‑Stadien gefunden wurden. Wo wir standen, als demokratische Institutionen in einem Gastgeberland erodierten. Wo wir standen, als die FIFA den Fußball endgültig zur Luxusware machte. Und dann wird es keine Rolle spielen, wie viele PR‑Statements der DFB verfasst hat. Sondern nur, ob er menschlich gehandelt hat. Ob er die Haltlinie als echte Zeitenwende begriffen hat?
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Quellen:
Und viele andere ...