Ravensburger Tagebuch (3): Demokratie beginnt nicht im Rathaus, sondern an der Bushaltestelle ... Hat unserer Stadt ein Wahrheitsproblem?
Takeaway: Diese Kolumne entlarvt die Prioritäten einer Stadt, die für Prestigeprojekte Millionen findet – aber für eine barrierefreie Bushaltestelle angeblich keinen Cent übrig hat. Sie zeigt, wie Bürgerbeteiligung ausgehöhlt wird, wenn Entscheidungen nur noch nach innen – ins Rathaus – und nicht mehr nach außen – zu den Menschen – gerichtet sind.
An einem Tag wie heute, fragt sich der Ravensburger Bürger, ob man* eigentlich Statist in einem sehr schlechten Theaterstück ist. Was heißt hier Frage! Es ist eine nachgewiesene Tatsache! Statist in einem Stück, in dem die Kulissen glänzen, die Schauspieler wichtig aussehen – und das Publikum im Regen steht. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
- Lesen Sie bitte auch hier:
- Schreiben an die Stadtverwaltung Ravensburg: Bittende Forderung zur unverzüglichen Einrichtung eines barrierefreien Buswartehäuschens an der Haltestelle „Hirschgraben“
19. Apr. 2026
Die Bushaltestelle am Ravensburger Hirschgraben bleibt ein Provisorium. Seit Jahren. Kein Dach. Keine Sitzgelegenheit. Keine Barrierefreiheit. Aber dafür eine Begründung, die man* sich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Kein Geld.“ Das steht so jedenfalls in einem Artikel der Schwäbischen Zeitung .
Kein Geld – in einer Stadt, die gerade:
20 Millionen Euro für das Kornhaus mobilisiert,
40 Millionen Euro für die neue Kuppelnauschule plant, obwohl die Schülerzahlen laut öffentlich zugänglichen Prognosen seit Jahren rückläufig sind und die Notwendigkeit der Dimension infrage steht (verschiedene kommunale Berichte und Debatten thematisieren das),
aber schätzungsweise nur 10.000 Euro (plus/minus 3.500 €) für eine menschenwürdige Bushaltestelle findet man* nicht.
Bürger und Bürgerinnen könnten lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Für große Projekte ist immer Geld da. Für Beton, für Glas, für Prestige. Für das, was man in Hochglanzbroschüren - wie in diesen Tagen in unseren Briefkästen - drucken kann.
Aber für eine Haltestelle, an der ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Schüler, Pendler und alle anderen Bürgerinnen und Bürger täglich stehen – da heißt es plötzlich: „Haushaltslage angespannt.“
Interessant, wie selektiv angespannt ein Haushalt sein kann.
Die Petition zum Hirschgraben? Abgelehnt.Die Bürger wollten den Hirschgraben öffnen. Die Stadt lehnte ab. Dafür öffnete sie ihn – aber nur für Busse. BUS FIRST. Doch eine vernünftige Haltestelle fehlt. Welche Abstrusität, welche Absurdität, welch ein Theater!
Das ist Bürgerbeteiligung nach Ravensburger Art: Im Rathaus hört man (angeblich) zu, nickt verständnisvoll – und macht dann das Gegenteil.
Wie lange lassen wir Bürger und Bürgerinnen uns das noch gefallen?Wie lange akzeptieren wir, dass Millionen für Repräsentation da sind, aber nicht für Infrastruktur? Wie lange lassen wir zu, dass Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen werden? Siehe Oberschwabenhalle. Wie lange schauen wir zu, wie Barrierefreiheit zur freiwilligen Leistung erklärt wird – statt zur demokratischen Pflicht?
Es geht hier nicht um eine Haltestelle. Es geht um Haltung.
Eine Stadt, die für 10.000 Euro (plus/minus 3.500 € ) keine Lösung findet, hat kein Geldproblem. Sie hat ein Prioritätenproblem. Und womöglich - Vorsicht bei der Wortwahl - vermutlich ein Wahrheitsproblem.
Die Wahrheit ist unbequem – und deshalb notwendigSolange wir Bürger uns mit Provisorien zufriedengeben, bekommen wir Provisorien. Solange wir uns mit Ausreden abspeisen lassen, bekommen wir Ausreden. Solange wir uns nicht einmischen, wird für uns entschieden – das muss aufhören, nach dem Motto: nicht mit uns.
Demokratie beginnt nicht im Rathaus. Sie beginnt an der Bushaltestelle. Dort, wo Menschen stehen, warten, frieren – und merken, dass sie vergessen wurden.
Die Frage bleibt: Wie lange noch?Vielleicht so lange, bis wir laut genug werden. Bis wir nicht nur Petitionen schreiben, sondern Konsequenzen ziehen. Bis wir klar machen, dass Bürgerbeteiligung kein dekoratives Element ist, sondern der Kern einer lebendigen Stadt.
Ravensburg kann besser sein. Aber nur, wenn wir es einfordern.