Die atlantische Lücke im Ravensburger Haushalt am Tag der Inthronisierung ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Am Vormittag lesen wir in der hiesigen SZ ("Schwäbische Zeitung"), dass Ravensburg sparen muss. Darüber habe ich geschrieben. Das mit dem "sparen" kennen wir ja schon. Diesmal ist die Kultur dran. Weniger Öffnungszeiten für die beiden Museen, höherer Eintritt. Eine Quasi-Diät für den Stadthaushalt. Am Abend dann lesen wir in derselben Zeitung, dass Ravensburg stark ist, zusammenhält und seine gesteckten Ziele erreicht. Damit sind allerdings nicht die Sparmaßnahmen gemeint. Zwei Artikel, ein Tag – und zwei völlig verschiedene "Wirklichkeiten".
Während Bürger höhere Eintrittspreise für Kultur, weniger Winterdienst und eintönige Pflanzenbeete ohne Hundekottüten erleben, feiert die Stadtspitze die dritte Amtszeit von Dr. Rapp als Oberbürgermeister mit dem Mantra der Stärke und dem Bimmeln der Rathausglocke. Fehlte nur noch die Monstranz.
Wer beide Artikel nebeneinander legt, erkennt: Die offizielle Erzählung und die gelebte Realität driften auseinander wie der amerikanische und der afrikanische Kontinent. Und genau diese große atlantische Lücke ist es, die Vertrauen kostet.

Wenn eine Stadt gleichzeitig von dringend notwendigen Sparmaßnahmen bei Bürgerangeboten spricht und doch Millionenprojekte vollendet werden und - so die Message - weiterlaufen oder angegangen werden, als wäre nichts, dann entsteht ein Ozean mit Fragezeichen statt Wellen. Nicht nur im Haushalt, sondern vor allem im Verständnis. Untermauert wird das durch die Laudatio von Stadtrat Schuler, als er von der Erhaltung des Geldflusses in die notwendigsten Projekte der Stadt sprach. Welches "Geld" eigentlich, da die Stadtkasse doch gleich der Breitachklamm im Oberallgäu ist?
Gleichzeitig wirkt der zweite SZ‑Artikel wie die Schilderung eines Paralleluniversums: feierlich, optimistisch, fast unberührt von den Sparbotschaften desselben Tages. Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp glänzt nicht nur mit seinem Lächeln, sondern auch mit dem Stadtwappen. Die kleine Glocke auf dem Rathaus läutet zu seiner dritten Inthronisierung als Oberbürgermeister ("Herzlichen Glückwunsch trotz alledem!") und Dr. Rapp spricht von Handlungsspielräumen, starker Wirtschaft und Selbsthilfe. Alles ohne Bezug zu den Einschnitten, die wenige Stunden zuvor öffentlich wurden. Natürlich.
Für die geschröpften Bürgerinnen und Bürger der Stadt Ravensburg "liest" sich das leider wie eine zynische Satire und er/sie wissen gleichzeitig, dass es in den kommenden Jahren so weitergehen wird: Beschneidung des Bürgers - und weitere teure Sanierungen und der Bau von Großprojekten. Und das, weil niemand da ist - vor allem auch im Gemeinderat - der/die den Schneid hat, diese Dinge öffentlich bei Namen zu nennen.
So entsteht der Eindruck zweier Stadterzählungen, die nicht miteinander verzahnt sind, sondern sich als eklatante und unvereinbare Narrative gegenüberstehen. Das eine beschreibt die Belastung der Bürger, das andere die Zuversicht der Verwaltung.
Ravensburg braucht keine doppelte Wirklichkeit. Es braucht eine gemeinsame und damit ehrliche Realität. Gondwana. Eine, in der die königliche Glocke nicht übertönt, was das Sparschwein schon längst erzählt. Eine, in der politische Kommunikation und Alltagserfahrung nicht auseinanderlaufen. Eine, in der Vertrauen nicht vorausgesetzt, sondern verdient wird.
